Mindener Tageblatt: Kommentar zu Schuldenkrise und kein Ende / Gratwanderung
Minden (ots) - Die Politik ist um ihre Rolle in der Euro-Schuldenkrise nicht zu beneiden. Jeder Experte hat zum Thema mindestens eine Meinung, oft abends schon wieder eine andere als morgens. Die Finanzmärkte beäugen argwöhnisch auch noch den kleinsten Interview-Nebensatz, um einen Vorwand für die nächste Spekulations-Offensive zu haben. In den Parteien laufen die Fronten kreuz und quer. Wichtigtuer, Populisten und Möchtegern-Experten nutzen jede Aufmerksamkeitschance. Die Bevölkerung fürchtet um ihr Erspartes und reagiert allergisch auf sich jagende Chaos-Meldungen. Die wiederum sind das ganz spezielle Geschäftsmodell von Haudrauf-Medien aller Art, andere folgen im Trott. Im Ausland ist europäische Solidarität gefragt, im Inland Soliditäts-Rigorimus und Risiko-Vermeidung. Nur gibt es leider überhaupt keine Handlungsoption ohne schwere Risiken - und jeder Experte hat, siehe oben, eine andere Meinung. In dieser Situation wäre politische Führung auch dann schon eine Gratwanderung, wenn man das eigene Lager verlässlich hinter sich wüsste. Da dies ebenso desorientiert ist wie alle anderen, ist das - Basta hin, Überzeugung her - ein frommer Wunsch. Dass die intern nicht minder uneinige Opposition heilfroh ist, gerade nicht haftbar gemacht werden zu können, kaschiert sie gekonnt mit dem Ausnutzen auch noch der kleinsten innerkoalitionären Meinungsverwerfung, um "endlich ein Machtwort" einzufordern. Fakt ist: Die griechische Schuldenkrise treibt auf einen neuen Höhepunkt zu. Wie immer er diesmal bewältigt wird - ein Ende der europäischen Schuldenkrise ist damit noch längst nicht in Sicht. Mit einer derart komplexen Ursache-Wirkungs-Problematik ist eine an den Erregungsmechanismen von Ehec-, Sars- oder Vogelgrippe-Dramen geschulte Öffentlichkeit jedoch offenkundig noch überforderter als das politische und wirtschaftliche System. Entschieden werden muss trotzdem. Möglichst ohne Hysterie, bitte.
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