SWR - Südwestrundfunk

Das Erste : Ergänzende Programm-Informationen zu der Sendung: Der Dokumentarfilm
Kriegsspiele
Ein Film von Marcus Vetter
Sendung: 30.07.2002, 23.00 Uhr, ARD

    Baden-Baden (ots) - Sie heißen Myth, Amoxxk, oder Der Gestörte.
Sie kommen aus Esslingen, Frankfurt und Hofheim am Taunus. Übers
Internet sind sie miteinander verbunden. Sie sind zwischen 15 und 19
Jahre alt und ihre Hauptbeschäftigung ist es, Krieg zu spielen -
jeder für sich zu Hause am PC. Am liebsten kämpfen sie gemeinsam
gegen andere Jugendliche, die sich ebenso wie sie zu einem Clan
zusammengeschlossen haben. In solchen CLAN-WARS sind die einen die
Terroristen, die anderen die Counter-Terroristen, was so viel
bedeutet wie die guten Polizisten. Welche Rolle sie spielen, ist den
Jungs jedoch ziemlich egal. Denn ihnen geht es ja - wie sie immer
wieder betonen - nur ums Spielen. Diese Kriegsspiele mit
hochauflösenden 3D-Graphiken sehen verblüffend echt aus. Aus
Hunderten von sogenannten MAP´s können die Spieler auswählen, ob sie
lieber eine Flugzeugentführung nachspielen möchten oder einen
Häuserkampf im Kosovo. 500.000 Jugendliche spielen allein in
Deutschland das Königsspiel unter den Computerkriegsspielen -
COUNTERSTRIKE. Ihre Waffen sind virtuell: Pistolen, Maschinengewehre,
Präzisionswaffen - mit oder ohne Schalldämpfer.
    
    Der Film porträtiert jugendliche Counterstrike-Spieler und setzt
sich mit ihrer Faszination für Computer-Kriegsspiele auseinander.
Durch das Amokdrama von Erfurt gewinnt der Film, der bereits im
Januar 2002 seinen Drehstart hatte, eine unbeabsichtigte Brisanz.
Ratlos werden jetzt Antworten auf die Frage gesucht, wie es zu der
Wahnsinnstat Robert Steinhäusers kommen konnte. Auch über den
umstrittenen Zusammenhang zwischen realer Gewalt und gewalttätigen
Computerspielen wird erneut heftig diskutiert. Bereits seit einigen
Jahren beschäftigt sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Schriften (BPjS) verstärkt mit Computerspielen. Bei COUNTERSTRIKE
wurde allerdings einer Indexierung widersprochen.
    
    Marcus Vetter zeichnet ein Psychogramm von durchaus sympathischen
Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Sie gehören einer
rasant wachsenden Jugendbewegung an, die einen ganz wesentlichen Teil
ihrer Freizeit mit Computer-Kriegsspielen wie Counterstrike
verbringt. Mittlerweile gibt es Tausende solcher Clans wie der von
Myth, Amoxxk und dem Gestörten.  Nicht nur in Deutschland -
Counterstrike wird international gespielt. Das gewalttätige
Computerspiel gilt bei seinen Anhängern als Sport. In
Counterstrike-Bundes- und Europaligen tragen die Spieler ihre
Clan-wars über das Internet miteinander aus. Der Traum jedes
Counterstrikers ist es, einmal bei einer der von INTEL oder MICROSOFT
gesponserten Meisterschaften teilnehmen zu dürfen. Diese finden in
Sporthallen statt. Jeder Clan bringt seine eigenen PCs mit. Vor Ort
werden die PCs zu einem Netzwerk (LAN) zusammengeschlossen. Die
Preisgelder betragen bis zu 30.000 Dollar.
    
    Der Dokumentarfilm Kriegsspiele spielt in einer Zeit, in der die
reale Welt zum Krieg rüstet. Gleichzeitig nimmt die
Gewaltbereitschaft von innen und von außen deutlich zu. Welcher
Stellenwert kommt in diesem Zusammenhang den Computer-Kriegsspielen
zu? Inwieweit stellen die Spiele eine Gefahr für die Jugendlichen und
die Gesellschaft dar? Der Film sucht Antworten auf diese Fragen bei
den Eltern, den Lehrern und vor allem bei den Jugendlichen selbst.
    
    Die Protagonisten
    
    Chris ("Myth"), ist der Clan-Leader. Er ist 17 und sieht aus wie
14. Er hat eine lange Vergangenheit als Gamer. Bereits mit 14 trat er
in seinen ersten Clan ein. Er lebt in zwei Welten - einer
Computerwelt und einer realen Welt. Die Freunde in diesen beiden
Welten wissen nur wenig voneinander.
    
    Patrick ("Hellfire"), ist Chris´ bester Freund. Beide gehen in die
gleiche Klasse eines Gymnasiums. Ihre schulischen Leistungen haben
bisher nicht unter ihrer Kriegsspielleidenschaft gelitten. Daher
tolerieren die Eltern auch die Computer-Kriegsspiele ihrer Kinder:
"So lange die Noten stimmen, vertrauen wir unseren Kindern!"
    
    Oliver ("Amoxx"), kommt aus bescheidenen, aber sehr liebevollen
Familienverhältnissen. Wenn Oliver abends von der Arbeit nach Hause
kommt, übergibt der Vater ihm gleich den PC. Tagsüber sitzt der
arbeitslose und mittlerweile "trockene" Vater vor dem PC: Er ist
chatsüchtig. Die Eltern sind sehr besorgt hinsichtlich der
beruflichen Zukunft ihres Sohnes. Oliver hat nach seinem
Hauptschulabschluss keinen Ausbildungsplatz gefunden und arbeitet
deshalb in einer Beschäftigungsinitiative, in der er PC-Schrott
recycelt.
    
    Manuel ("Der Gestörte") , ist 17 Jahre alt und gerade sitzen
geblieben. Er ist ein hübscher Junge mit dunklen gelockten Haaren.
Sein Vater, früher ein 68er Linker, ist Immobilienmakler. Wenn eines
seiner Verkaufsobjekte leer steht, stellt er das Haus schon einmal
seinem Sohn zur Verfügung, damit dieser mit Freunden dort Krieg
spielen kann. Keine Computerkriegsspiele, denn Manuel hat neben
Counterstrike noch ein anderes Hobby. Mit Waffen, die mit kleinen
Farbkugeln geladen sind, spielt Manuel den "echten" Krieg nach. Der
Vater vertraut darauf, dass sein Sohn das Richtige tut.
    
    Pierre ("Steffi") ist gerade 18 geworden und hat als einziger der
Freundesclique die Schule geschmissen. Seitdem macht er die Nacht zum
Tag. Abends, wenn die Sonne untergeht, steht er auf und morgens, wenn
es dämmert, geht er ins Bett. Aus Counterstrike will er demnächst
ganz aussteigen. Wie Olivers Vater hat auch Pierre eine neue Sucht
entdeckt - den Internet-Chat.
    
    Zum Hintergrund des Films
    
    Kriegsspiele wie Counterstrike sind keine Einzelfälle, die nur von
wenigen Jugendlichen genutzt werden. Es handelt sich hier um eine
Jugendbewegung, die Amerika bereits Anfang der 90er Jahre infiziert
und erst in den letzten Jahren auch Europa erreicht hat. So verdient
beispielsweise Nvidia, eine amerikanische Grafikkartenfirma, als eine
der wenigen Hightechfirmen überhaupt noch Geld, weil die jugendlichen
Spieler für die Counterstrike-Grafikkarten bereit sind, jeden Preis
zu bezahlen.
    
    Viele Eltern und Psychologen unterschätzten vielleicht die Gefahr,
die von solchen Computerkriegsspielen ausgehen kann. Aufgrund der
noch relativ kurzen Laufzeit des Spieles sind die langfristigen
Folgen unbekannt und wissenschaftlich nicht erforscht.
    Überhaupt herrscht Uneinigkeit unter den Experten hinsichtlich der
gewalterzeugenden Wirkung von Computerspielen. Aber: Eine ganze Reihe
von Studien warnen unmißverständlich davor, daß solche Computerspiele
zur Gewaltanwendung  im wirklichen Leben verleiten können. So auch
eine neue Studie der Ruhr Universität Bochum. Die dort forschende
Psychologin Rita Steckel weist darauf hin, daß die betroffenen Kinder
ihre Aggressionen nicht mehr regulieren könnten und auch langfristig
zu Aggression und Gewalt neigten. Nicht ohne Grund beschäftigt sich
die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) verstärkt
mit Computerspielen. Bei Counterstrike wurde allerdings einer
Indexierung widersprochen.
    
    Laut einer Umfrage der deutschen Computerspiele-Zeitschrift
"Gamestar" hat jeder fünfte Computer-Spieler schon einmal an einer
LAN-Party teilgenommen. Fast 50% der insgesamt 1000 befragten Leser
planen, in naher Zukunft an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen.
    
    Die meisten Jugendlichen, die Counterstrike spielen, kommen aus
Mittelstandsfamilien und weisen ein eher unauffällig, bürgerliches
Lebensskript auf: Zivildienst oder Bundeswehr, möglichst kurz, so
dass man nebenher studieren kann. Das Ziel: Viel Geld verdienen - als
Anwalt, Makler oder Journalist.  Eigentlich, so suggeriert der erste
Blick, scheint alles perfekt und die Gesellschaft bräuchte sich keine
Sorgen zu machen. Sind Kriegsspiele wie Counterstrike also nur eine
notwendige Verirrung, die auf die Pubertät zurückzuführen ist und der
man daher eher tolerant begegnen sollte? Oder verbirgt sich hinter
dem konservativ anmutenden Lebensskript der Jugendlichen eine ernste
Gefahr. Was passiert, wenn der Traum vom schnellen Geldverdienen
nicht in Erfüllung geht? Wenn Arbeitslosigkeit den Träumen der
Jugendlichen im Weg stehen sollte? Ist der eine oder andere
Counterstrike-Spieler, der die Sucht nicht im Griff hat, vielleicht
doch ein Sleeper von morgen, ein noch nicht aktivierter Gewalttäter,
Amokläufer...?
    
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