SWR - Südwestrundfunk

Südwestrundfunk (SWR): Nachtcafé, Freitag, 15. März 2002 (Woche 11) / (Woche 12)

    Baden-Baden (ots) -      

    21.45    Nachtcafé
                 Gäste bei Wieland Backes
                 Arbeit, Rente, soziales Netz -
                 Lässt uns der Staat im Stich?
    
    Immer mehr Arbeitslose, immer weniger Geld für die Rente, die
Kranken- und Pflegeversicherung, Kürzung des Sozialen an allen Orten:
Der Staat lässt die Menschen langsam aber sicher allein, bald wird
jeder für sich selbst sorgen müssen, viele werden unter die Räder
kommen. Diese Entwicklung ist vorprogrammiert, zumindest wenn man
führenden Wirtschaftlern glaubt. Die rund vier Millionen Arbeitslosen
derzeit gelten bereits als Normalzustand, weniger werden es nicht
werden. Stimmt das? Wird der Sozialstaat zusammenbrechen? Droht uns
ein neuer Sozialdarwinismus? Wird bald jeder sich nur noch um sich
selbst kümmern? Wieland Backes sorgt sich mit seinen Gästen um die
soziale Sicherung:
    
    Meinhard Miegel: "Unser Sozialstaat ist am Ende", sagt der
Wirtschaftsprofessor. In seinem neuen Bestseller "Die deformierte
Gesellschaft" zeigt er, warum das soziale Netz beschnitten werden
muss und die Bürger für sich selbst privat sorgen sollen. Der Staat
ist laut Miegel weder für die Schaffung von Arbeitsplätzen, noch für
die Wohlfahrt zuständig. "Unser Staat hisst die weiße Fahne, die
Anspruchshaltung der Bürger muss ein Ende haben". Auch die Rente
wird, so Miegel, nie wieder den Lebensstandard sichern.

    Ute Kumpf: Die SPD-Bundestagsabgeordnete sieht das ganz anders. Sie ist sicher, dass die Riester-Rente die Altersvorsorge garantiert. Auch das Klischee der sozialen Hängematte kann sie nicht mehr hören - "die Hängematte gibt es nicht, wer nicht arbeiten will, hat bei uns keine Chance". Kumpf ist enttäuscht, dass die Wirtschaft nicht mehr Arbeitsplätze schafft, obwohl Rot-Grün die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen hat. Wichtig findet sie, den Bedürftigen unter die Arme zu greifen: "Die darf der Staat nicht im Stich lassen!"

    Susanne Ott: Im Stich gelassen fühlte sich die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern nicht nur einmal in ihrem Leben. Nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde und keinen Unterhalt bekam, rutschte sie in die Sozialhilfe. Diese Zeit war zermürbend und demütigend. Nachdem sie sich wieder aus dem Sumpf herausgezogen hatte, kam ein erneuter Tiefschlag: die Streichung des Haushaltsfreibetrags für Alleinerziehende. Das möchte sie sich nicht gefallen lassen und klagt nun vor dem Bundesverfassungsgericht, gemeinsam mit der Schwester des Bundeskanzlers gegen dieses Gesetz und dafür, dass am Monatsende ein paar hundert Euro mehr im Geldbeutel sind.

    Klaus Hoffmann: Seit Jahren arbeitslos, macht er sich große Sorgen, wenn er an seine Zukunft denkt. Sein Auto hat der ehemalige Personalverwalter eines Erholungsheims verkauft und eine kleinere Wohnung bezogen, um besser über die Runden zu kommen. Wird nun die Arbeitslosenhilfe gestrichen, dann ist er auf Sozialhilfe angewiesen. "Was dann wird, darüber möchte ich lieber nicht nachdenken". Die Hoffnung auf einen neuen Job hat er bereits aufgegeben, denn "mit 58 Jahren, da hat man ausgedient."

    Werner Küsters: Der Inhaber eines typischen mittelständischen Unternehmens würde gerne mehr Leute einstellen, findet aber niemanden, der arbeiten will. "Die Arbeitslosen liegen in der sozialen Hängematte, und der Staat schaut ihnen dabei zu", ärgert sich Küsters. Er ist für eine Streichung der Sozialleistungen, damit "Arbeiten sich wieder lohnt". Zudem beklagt er die Politik der rot-grünen Regierung, "da der Mittelstand weiter benachteiligt wird, obwohl wir 80 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland stellen".

    Bascha Mika: Die Chefredakteurin der taz ärgert sich ebenfalls über die rot-grüne Regierung, aber aus gegenteiligen Gründen, "weil die den neoliberalen Sozialabbau weiter vorantreiben". Sie findet die Politik zu konzernfreundlich und beklagt die Einschnitte ins soziale Netz. "Der Staat muss sich viel mehr um diejenigen kümmern, die dem Leistungsdruck in unserer Gesellschaft nicht gewachsen sind". Mika beklagt, dass nicht mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, obwohl die Konzerne immer höhere Gewinne einstreichen.

    Yella Gräfin von Thun-Hohenstein: Sie kümmert sich um diejenigen, die bereits durch das soziale Netz gefallen sind. Jede Dienstagnacht fährt die Mitinitiatorin der "Münchener Tafel" durch die Straßen von München und verteilt Essen und Getränke an Obdachlose. Ihr ist es wichtig, sich um diese Randgruppen der Gesellschaft zu kümmern. Treffen kann es jeden: "Auf der Straße leben Anwälte, Ärzte, Börsianer - da sind Leute vom Feinsten dabei. Das geht so schnell: Beziehung kaputt, Job weg, Wohnung los, und schon ist man auf der Straße."

    Sigrid Grantner: "Der Staat lässt uns im Stich und Frauen werden
doppelt im Stich gelassen", sagt die Vorsitzende des Verbandes
alleinerziehender Mütter und Väter in Stuttgart. Denkt sie an die
Rente, wird ihr ganz schummrig, denn aus der täglichen Praxis weiß
sie, dass viele Frauen massiv von Altersarmut betroffen sein werden.
Grantner selbst hat gerade noch rechtzeitig vorgesorgt, kennt aber
etliche Fälle, bei denen die Rente mager ausfallen wird. Ihr bitteres
Fazit: "Frauen müssen unter heutigen Voraussetzungen am besten voll
berufstätig bleiben und auf Kinder verzichten."
    
    
    Freitag, 15. März 2002  (Woche 11)
    
    23.15    Nachtkultur
                 Moderation: Markus Brock
    
    Die Themen:
    
    "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" -  Erinnerungen an
Zarah Leander

    Man schrieb das Jahr 1936, und nachdem Greta Garbo und Marlene Dietrich Deutschland verlassen hatten, brauchte die UFA dringend einen neuen Star. Der Produktionschef entdeckte Zarah Stina Leander und engagierte die bis dahin nur mäßig bekannte Schwedin für den Film "Zu neuen Ufern". Mit seiner Entscheidung setzte er sich gegen den Willen von Propagandaminister Joseph Goebbels durch, dem die "Ausländerin" zu groß, zu dick und zu rothaarig war. Der Produktionschef sollte mit seiner Entscheidung Recht behalten, denn mit Zarah Leander (1907 - 1981) hatte der deutsche Film endlich wieder eine Diva, die mit ihrer dunkel-melancholischen Stimme und ihrem schauspielerischen Talent zum Star avancierte. Bis 1942 drehte sie insgesamt zehn Filme für die Ufa und wurde zur bestbezahlten Schauspielerin des Filmimperiums. Zu ihren größten Filmerfolgen zählen "Eine rauschende Ballnacht" und "Das Herz einer Königin". Ebenfalls bis heute unvergessen sind ihre Lieder "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" und "Kann den Liebe Sünde sein?". Am 15. März wäre die Schauspielerin und Sängerin 95 Jahre alt geworden. Martina Klug erinnert an den einstigen UFA-Star.          Verleger, Revolutionär und Lebemann - Giangiacomo Feltrinelli     Er war Verleger, Revolutionär und Lebemann, und hat einen Lebenslauf, der sich wie ein Polit-Krimi liest: Giangiacomo Feltrinelli wird 1926 in Mailand geboren. Als junger Mann schließt sich der Millionenerbe den Partisanen an, wird Kommunist und dann Verleger. Zu seinen größten Erfolgen zählen die Veröffentlichungen von Lampedusas "Der Leopard" und Pasternaks "Doktor Schiwago". Die Bücher machen ihn zu einem der berühmtesten Verleger Italiens. Später ist Feltrinelli mit Fidel Castro und Henry Miller befreundet, zieht sich immer mehr aus der Verlagsarbeit zurück und geht in den Untergrund. Er verübt Anschläge und kommt schließlich selbst bei einem ums Leben. Im März 1972 wird Giangiacomo Feltrinelli neben einem Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand tot aufgefunden. Aus Anlass seines 30. Todestages erinnert Simone Reuter an den italienischen Verleger.

    Mit Martin Walser im Theater - der Dichterfürst vom Bodensee wird     75

    Bereits sein erster Roman "Ehen in Philippsburg" wurde 1957 mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Es folgten der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Georg-Büchner-Preis und, und, und.... Heute hat Martin Walser nahezu alle wichtigen Literatur-Preise erhalten und zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Unter anderem hat er 16 Romane geschrieben, die zusammen eine Art kleinbürgerliche Milieustudie der Bundesrepublik ergeben, denn Walsers Romanhelden sind deutsche Kleinbürger - Angestellte, Lehrer, Chauffeure. Bis heute schafft der gebürtige Wasserburger mit jedem neuen Roman hohe Auflagen und wird trotzdem von den Literaturkritikern anerkannt. Sein jüngstes Werk "Der Lebenslauf der Liebe" ist im vergangenen Jahr erschienen. Neben dem Schreiben ist Walser seit Jahrzehnten auch politisch aktiv. Er war 1961 der erste Publizist, der in der Bundesrepublik eine Wahlinitiative startete, er kritisierte in den 60er Jahren den Vietnamkrieg, und sympathisierte Anfang der 70er Jahre mit der DKP. Am 24. März feiert Martin Walser seinen 75. Geburtstag. Anna Kienzle porträtiert den deutschen Ausnahmeschriftsteller.          Jazz - eine Musik und ihre Geschichte

    Jazz entstand vor rund 100 Jahren im Schmelztiegel New Orleans aus afrikanischen und europäischen Elementen als eine Art Gumbo, ein Eintopf. Europa lernte die wohl bekannteste kreolische Musik der Welt durch zwei Kriege kennen: Im Ersten Weltkrieg marschierten US-Soldaten unter Jazz-Klängen ins Feld, nach Deutschland kam er in den 20er Jahren, wurde dann als entartet verboten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er dort wieder eine Chance.

    Das reich bebilderte Buch "Jazz" liefert eine Geschichte des Jazz
von seinen Anfängen über seine ‚Goldene Zeit' in den 20er Jahren bis
zu den Sound-Revolutionen in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts:
Bebop, Free und Cool Jazz - anhand von Biographien der großen
Jazz-Legenden und kurzweiliger  Beschreibungen der musikalischen
Entwicklung. Manfred Heinfeldner bietet einen filmischen
Appetit-Happen.
    
    
    Samstag, 16. März 2002  (Woche 12)
    
    22.20    Frank Elstner: Menschen der Woche
                 Talkshow aus dem E-Werk Baden-Baden
    
    Die Gäste:
    
    Dieter Thomas Heck: Vor 40 Jahren wurde er beim damaligen SWF in
Baden-Baden als Moderator entdeckt. Durch seinen großen Erfolg bei
der Hitparade im ZDF gilt der Schlagerfan bis heute als "Urgestein"
der Fernsehunterhaltung. Dieses Jahr wird Dieter Thomas Heck 65 Jahre
alt.

    Johanna Homey: Am 30. November 2000 wurde Vanja, die zwölf Jahre alte Tochter von Johanna Homey, in ihrer elterlichen Wohnung in Heidelberg ermordet. Der Fall sorgte für bundesweites Aufsehen, denn Vanja war der Mittelpunkt einer Fernsehdokumentation über Scheidungskinder in Deutschland. Kurz vor Abschluss der Dreharbeiten geschah das Unfassbare. Ein polizeibekannter Spanner drang in die Wohnung ein und tötete die zwölfjährige Gymnasiastin. Genau ein Jahr nach der Tat wurde der Mörder von Vanja zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Heute spricht die Mutter Johanna Homey über diese schreckliche Tat, den schmerzhaften Verlust ihrer Tochter und ihre Gefühle.

    Thomas Anders: Er ist die "bessere" Hälfte des wohl erfolgreichsten deutschen Popduos aller Zeiten, "Modern Talking". Am Montag, 18. März 2002, erscheint die neue CD "Victory" von dem Duo Dieter Bohlen und Thomas Anders.

    Dr. Michael Newton: Seit Urzeiten beschäftigen "wilde Kinder" die mythische und literarische Fantasie. Von Romulus und Remus bis zu Kiplings Wolfsjunge "Mowgli" oder dem mysteriösen Kaspar Hauser ranken sich Legenden um Kinder, von denen einige angeblich von Tieren aufgezogen wurden. Historische Fälle isoliert aufwachsender Kinder hat Michael Newton untersucht.

    Romain Bausch: Der Generaldirektor und Präsident der Firma SES Global, die auch die TV-Satelliten ASTRA betreibt, wurde von Redakteuren und Analysten des US-Fachmagazins "Via Satellite" zur Führungspersönlichkeit des Jahres 2001 gewählt. Durch die Übernahme der GE Americom machte Romain Bausch die SES Global zum größten Satellitenunternehmen der Welt.

    Montag, 18. März 2002  (Woche 12)
    
    Nachgeliefertes Thema beachten!
    
    21.00    Teleglobus
                 Das verbürgte Elend
                 Zellstoffpoduktion in Indonesien

    Dienstag, 19. März 2002  (Woche 12)
    
    Geändertes Thema beachten!
    
    11.30    Fliege
                 Menschen, die man nie vergisst

    Dienstag, 19. März 2002  (Woche 12)
    
    Nachgeliefertes Thema beachten!
    
    05.30    Teleglobus (WH)
                 Das verbürgte Elend
                 Zellstoffpoduktion in Indonesien

    Donnerstag, 21. März 2002  (Woche 12)
    
    Geändertes Thema für BW beachten!
    
    18.50    Treffpunkt (BW)
                 Freizeit
                 Anziehend - Mode machen - 2002
    
    
    Freitag, 22. März 2002  (Woche 12)
    
    Geändertes Thema für BW und SR beachten!
    
    10.30    Treffpunkt (BW und SR)
                 Freizeit
                 Anziehend - Mode machen - 2002

    Freitag, 22. März 2002  (Woche 12)
    
    Geändertes Thema beachten!
    
    11.30    Fliege
                 Gewinn durch Verzicht - Fasten: Prominente erzählen

ots Originaltext: SWR
Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Stephan Reich,
Tel.: 07221/929-4233 oder Martin Ryan, Tel.: 07221/929-2285.

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