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Südwestrundfunk (SWR): Neue Geschichtsreihe "Orte des Erinnerns" ab 9. Februar im Südwestfernsehen: SWR erinnert an Bautzen, Stammheim und Landsberg

    Baden-Baden (ots) - Der Südwestrundfunk (SWR) in Baden-Baden wird in seinem dritten Fernsehprogramm eine historische Dokumentationsreihe über Orte ausstrahlen, die in der jüngeren deutschen Geschichte von besonderer Relevanz waren. In einer ersten dreiteiligen Staffel, die am Samstag, 9. Februar 2002 um 21.00 Uhr im Südwestfernsehen beginnt, werden drei Gefängnisse in den Orten Bautzen in Sachsen, in Stuttgart-Stammheim und im bayerischen Landsberg vorgestellt. Die 45-minütige Reihe mit dem Titel "Orte des Erinnerns" stellt nach Angaben der zuständigen Redakteure Thomas Fischer und Gabriele Trost "Schauplätze der Geschichte vor, an die sich Menschen erinnern, weil sie ihr Leben prägten." Orte sollen dies sein, die aber über das individuelle Erleben hinaus auch symbolhafte Bedeutung für die Geschichte einer Region oder der deutschen Nation hätten, so die Fernsehmacher.          Das Porträt des Gefängnisses in Bautzen, mit dem die neue Reihe beginnt, sollte zu Beginn des Jahrhunderts ein Musterbeispiel für einen modernen, humanen Strafvollzug sein. Aber es wurde im Lauf seiner Geschichte zu dem Symbol für Unrecht und politische Verfolgung in der ehemaligen DDR. 1956 wurde das Gefängnis "Bautzen II" in der sächsischen Kleinstadt als einzige Sonderhaftanstalt des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit eröffnet. Überwiegend politische Gegner des Regimes waren dort unter katastrophalen Haftbedingungen inhaftiert. Der Beitrag über die Justizvollzugsanstalt in Stammheim bei Stuttgart war bis in die 70er Jahre ein "normales" Gefängnis. Dann wurde es zum Symbol für die "wehrhafte Demokratie", die sich mit diesem Hochsicherheitsgefängnis gegen die Angriffe der RAF-Terroristen zu wehren versuchte. Geplanter Sendetermin ist am 16. Februar 2002 um 21.00 Uhr im Südwestfernsehen. Das Gefängnis in Landsberg, am 23. Februar 2002 um 21.00 Uhr im Südwest-Programm, war mit seiner "Hitlerzelle" einer der wichtigsten nationalsozialistischen "Wallfahrtsorte". Das Landsberger Gefängnis mit seiner "Hitlerzelle", in der Adolf Hitler nach seinem gescheiterten Putschversuch von 1923 "Mein Kampf" verfasste, war ein "Wallfahrtsort" begeisterter Nationalsozialisten. 1946 erklärte der Oberbefehlshaber der Amerikanischen Streitkräfte das Landsberger Gefängnis zum "War-Criminal-Prison No.1". Hier saßen fast 1600 Verurteilte aus den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, den Nachfolgeprozessen und dem Dachauer Prozess ein. Darunter auch Alfred Krupp von Bohlen-Halbach. Fast 300 Todesurteile wurden hier vollstreckt. Doch für einen Großteil der deutschen Öffentlichkeit war Landsberg ein Symbol für die "Siegerjustiz" der Alliierten.          In den drei Filmen werden Menschen zu Wort kommen, die die Geschichte dieser Orte miterlebt oder mitgestaltet haben. Das sind Häftlinge und ihre Angehörigen, Vollzugsbeamte, Juristen, und Gefängnisdirektoren. "In ihren Erinnerungen und Erzählungen spiegelt sich der geschichtliche Wandel dieser Orte und es erklärt sich im Film, warum sie zu Erinnerungsorten geworden sind, so SWR-Redakteurin Trost.          An die Redaktionen Medien/Feuilleton

    Die meisten Insassen des Gefängnisses in Bautzen saßen wegen gescheiterter Fluchtversuche ein, aber auch andere mussten Jahre ihres Lebens hinter Gittern verbringen. So etwa Gustav Just, der nach zwei Jahren Isolationshaft ohne menschlichen Kontakt, ohne Aussicht auf ein Ende seiner Strafe davon träumte durch die Tür kriechen zu können. Bautzen II sollte den reformwilligen Sozialisten brechen, machte aber einen wahren Staatsfeind aus ihm. Der Film am 9. Februar schildert nicht nur die unmenschlichen Haftbedingungen, sondern auch die Wege, die nach Bautzen führten. Wie aus unangepassten Jugendlichen Staatsfeinde gemacht, wie Ehefrau und Sohn eines abtrünnigen DDR-Spions in Sippenhaft genommen wurden. Im Jahre 1989, nach den ersten Montagsdemonstrationen in Dresden wurden über 300 Menschen in Bautzen interniert. Ein Gefangener und der damalige Leiter des Gefängnisses erinnern sich in dem Film an die dramatischen letzten Tage vor dem Mauerfall. Kurz danach wurden alle politischen Häftlinge entlassen. Im Gebäude des ehemaligen "Stasi-Knastes" befindet sich heute die Gedenkstätte Bautzen.          Der Ort Stammheim war jahrelang eine ganz normale Strafvollzugsanstalt wie viele andere in Westdeutschland auch. In die Schlagzeilen geriet es, als es der Polizei in den 70er Jahren gelang die strategischen Köpfe der terroristischen Rote-Armee- Fraktion, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader festzunehmen. Um die "Staatsfeinde Nr. 1" sicher zu verwahren wurde Stammheim zum "Hochsicherheitsgefängnis" ausgebaut. Damit begann für die Vollzugsbehörden und die bundesdeutsche Justiz ein Drahtseilakt. Ehemalige Vollzugsbeamte, die Tochter von Ulrike Meinhof, der damalige Anstaltleiter, der Gefängnispfarrer und ein RAF-Terrorist der zweiten Generation, Peter-Jürgen Boock erzählen in dem Film am 16. Februar, wie es den Terroristen gelang, die Schwächen dieser Hochsicherheitsideologie für ihre Zwecke zu nutzen. Sie erreichten, dass die Haftbedingungen als "Isolationsfolter" erschienen, der Staat und die Justizbehörden als Vollstrecker einer auf Vernichtung der Terroristen zielenden Politik angesehen wurden. Tatsächlich beschwerten sich innerhalb der Anstalt die anderen Häftlinge über die vergleichsweise lockeren Haftbedingungen der Terroristen. So durften diese Radio hören, Fernsehen, sich ungestört mit ihren Anwälten treffen und miteinander reden. Als die Befreiungsversuche, die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyers und die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu, scheiterten, erschossen sich die Stammheimer Terroristen in ihren Zellen mit mehreren eingeschmuggelten Pistolen. Ein Ereignis, das damals den Mythos begründete, sie seien vom Staat hingerichtet worden.          Der dritte Beitrag über das Gefängnis in Landsberg am 23. Februar verdeutlicht die wechselvolle Geschichte dieses bayerischen Ortes am Lech. Denn neben München, der "Hauptstadt der Bewegung", und Nürnberg, der "Stadt der Reichsparteitage", war die bayerische Kleinstadt Landsberg die dritte zentrale Stätte des Nationalsozialismuses. Für die Mehrheit der Deutschen jedoch war Landsberg das Symbol für eine "Siegerjustiz". Sie sahen in den Häftlingen nicht die zu recht verurteilten Kriegsverbrecher, sondern sahen in ihnen Kriegsgefangene oder gar politische Gefangene. Der Gefängnisgeistliche Karl Morgenschweis, der sich für die Freilassung der Insassen einsetzte, erhielt 1951 als einer der ersten den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Weitere Ehrungen folgten. Morgenschweis war nicht allein, viele gesellschaftlichen Kräfte, Kirche, Politik, Wirtschaft, auch Künstler in der neu gegründeten Bundesrepublik erhoben ihre Stimme für die Insassen des Kriegsverbrechergefängnisses. Während das "Unrecht" im Gefängnis von Landsberg angeprangert wurde, blieb die Öffentlichkeit stumm, wenn es um das Konzentrationslager in Landberg ging, in dem Tausende ermordet wurden. Auch über das Lager für die "displaced persons" in der Nachkriegszeit wurde nicht gesprochen. Im Mai 1958 wurden die letzten vier Häftlinge, hochrangige SS-Mitglieder, die im Einsatzgruppenprozess verurteilt worden waren entlassen und das Gefängnis aufgelöst.          Diesen Text zum Herunterladen finden Sie im Internet unter www.swr.de/presse/news/index.html,

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