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Anti-Doping-Labor in Rio im Stich gelassen
ARD-Recherche-Redaktion Sport: Direktor beklagte schon früh mangelnde Ausstattung
Entzug der Zulassung hätte leicht verhindert werden können

München/Mainz (ots) - Was sich rund um das Anti-Doping-Labor in Rio de Janeiro abgespielt hat, stellt nach Informationen der ARD-Recherche-Redaktion Sport den internationalen Kampf gegen Doping in Frage. Für die kommenden Olympischen Sommerspiele ist das Labor gerade erst neu aufgebaut worden. Davor war dem Labor 2013 wegen fehlerhafter Analyse-Ergebnisse die Akkreditierung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und damit die Zulassung entzogen worden. Der Grund dafür sei aber nicht - wie bisher angenommen - eine mangelhafte und unsaubere Arbeit der Labor-Mitarbeiter gewesen. Es habe nur daran gelegen, dass die Analyse-Geräte veraltet gewesen seien und das Labor keine finanzielle Unterstützung von der brasilianischen Regierung und den Sportverbänden bekommen habe. So stellt es Prof. Francisco Radler, der Direktor des Labors, auf Nachfrage der ARD-Recherche-Redaktion Sport jetzt erstmals klar.

"Wir konnten unsere Analysegeräte nicht auf dem neuesten Stand halten, weil uns das Geld dafür gefehlt hat", sagte Francisco Radler. "Unser Labor hat sich damals selbst finanzieren müssen. Wir bekamen keine finanzielle Unterstützung von der Regierung. Und ich habe schon Jahre vorher davor gewarnt, dass wir unsere WADA-Akkreditierung verlieren werden, wenn wir keine Hilfe bekommen. Ich habe sogar Briefe und E-Mails an das Sportministerium, das brasilianische Olympische Komitee, an eigentlich jeden in der 'Sport-Community' geschrieben. Aber niemand hat mir glauben wollen."

Als das Labor dann tatsächlich die Zulassung verloren hatte, wurde weltweit von einem "Super-Gau" im Kampf gegen Doping gesprochen. In dem Land, in dem nacheinander die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Sommerspiele 2016 stattfinden sollten, war es fortan nicht möglich, Dopingproben zu analysieren. Der Fußball-Weltverband FIFA konnte bei der WM nur eingeschränkt und unter großem Zeitdruck testen. Es wurden keine unangemeldeten Kontrollen zwischen den WM-Spielen in den Hotels der Mannschaften durchgeführt. Die Proben wurden zur Analyse ins Labor nach Lausanne in die Schweiz geflogen. Auch für den Anti-Doping-Kampf in Brasilien war die Schließung des Labors in Rio de Janeiro eine Katastrophe. Proben wurden zum Großteil in Kanada analysiert. Und es gab lediglich Urinkontrollen.

Nach den neuen Aussagen des Labor-Direktors hätten der FIFA die Probleme im Labor in Rio schon im Rahmen der Vorbereitung auf die Fußball-WM in Brasilien bekannt gewesen sein müssen. Auf Anfrage der ARD-Recherche-Redaktion Sport teilt die FIFA mit: "Als Brasilien im Jahr 2007 als Gastgeberland für die WM 2014 ausgewählt wurde, hatte das Labor in Rio de Janeiro eine WADA-Akkreditierung. Im Rahmen des Confederations Cup 2013 haben Mitarbeiter der FIFA das Labor besucht, mit dem Direktor gesprochen und gesehen, dass im Labor Verbesserungen notwendig sind. Es hieß, dass es bis zur WM ein neues Laborgebäude geben würde. Dafür waren dann aber die lokalen Behörden in Brasilien verantwortlich. Und die Qualität des Labors zu kontrollieren, war die Aufgabe der WADA."

Doch auch andere Institutionen waschen ihre Hände in Unschuld. Auf Anfrage kann niemand eine richtige Erklärung geben, warum weder das Sportministerium noch das Nationale Olympische Komitee in Brasilien auf die Warnungen und Hilferufe des Labor-Direktors reagiert haben. Das IOC weist die Verantwortung von sich. Und die WADA antwortet, für Finanzierung und Instandhaltung von Anti-Doping-Laboren generell nicht zuständig zu sein. Erst nachdem es zum Entzug der Zulassung und damit zum "Worst-Case" gekommen sei, habe es die notwendige Unterstützung von der brasilianischen Regierung gegeben, sagt Labor-Leiter Prof. Francisco Radler. Der komplette Neubau des Labors sei von der Regierung finanziert worden.

Erst vor einigen Wochen hat das Labor die WADA-Akkreditierung wieder erhalten. Dafür musste es in mehreren Testphasen unter Beweis stellen, sowohl Urin- als auch Blutproben fehlerfrei zu analysieren. Allerdings hat das Labor bisher nur die sogenannte Basis-Akkreditierung der WADA. Spezielle Analyseverfahren für schwer nachweisbare Dopingmittel wie Insulin müssen dort erst noch bestätigt werden, um während der Olympischen Spiele 2016 dann die etwa 5500 geplanten Dopingtests durchführen zu können.

Zitate gegen Quellenangabe "ARD-Recherche-Redaktion Sport" frei. Pressekontakt: Wolf-Günther Gerlach, Tel. 06131 929-33293, wolf-guenther.gerlach@swr.de

 
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