SWR - Südwestrundfunk

40. Karl-Sczuka-Preis vergeben
Friederike Mayröcker nimmt Preis in Donaueschingen entgegen
Blagomir Alexiev erhält Förderpreis

Donaueschingen/Baden-Baden (ots) - Den vom Südwestrundfunk gestifteten und mit 25.000,- DM dotierten Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst hat Friederike Mayröcker am Samstag, 20.10., in Donaueschingen entgegen genommen. Ausgezeichnet wurde die 76-jährige Autorin, die am 27.10. auch mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt wird, für ihr Hörspiel "Das Couvert der Vögel", das beim Studio Akustische Kunst des WDR von Klaus Schöning realisiert wurde. Überreicht wurde der Preis, der in diesem Jahr zum vierzigsten Mal verliehen wird, im Rahmen einer öffentlichen Preisverleihung während der Donaueschinger Musiktage 2001 durch SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann. Den Karl-Sczuka-Förderpreis in Höhe von 10.000,- DM nahm der 1954 geborene bulgarische Komponist Blagomir Alexiev für seine Produktion "In the End of the Road" entgegen, die beim Bulgarischen Rundfunk in Sofia urgesendet wurde. In seiner Preisverleihungsrede betonte Hermann, dass es in der Diskussion um die Wirkung der Medien eine der zentralen Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei, "Kriterien fürs Hören an die Hand zu geben." Dabei, so Hermann, spiele der seit 1955 vergebene Karl-Sczuka-Preis eine zentrale Rolle: "Wäre der Rundfunk - und ich muss hier leider einschränken: der öffentlich-rechtliche Rundfunk - hier zu Lande nicht an Kriterienbildung interessiert, würde es auch eine Einrichtung wie den Karl-Sczuka-Preis nicht geben. [...] Durch die beharrliche Arbeit der Jury ist der Preis seit den siebziger Jahren zu einem in seiner Weise einzigartigen Indikator der Entwicklung des Hörspiels vom Theaterersatz der Nachkriegsjahre zur akustischen Kunst in der multimedialen Welt von heute geworden." Die zunehmende internationale Bedeutung des Preises, so Hermann weiter, sei nicht nur an der kontinuierlich wachsenden Zahl der Einreichungen abzulesen. Auch die Vergabe des Förderpreises an Blagomir Alexiev zeuge von ihr: "Ich freue mich, dass die Jury erstmals auch eine Produktion ausgezeichnet hat, die nicht nur - wie manch früheres Preiswerk auch - außerhalb der ARD-Studios entstanden ist, sondern außerhalb der deutschsprachigen Sender erstausgestrahlt wurde - nämlich beim Bulgarischen Rundfunk in Sofia." Die Entscheidung der Jury, den Karl-Sczuka-Preises 2001 an Friederike Mayröcker zu verleihen bezeichnete Hermann als einen "singulären Glücksfall": "Neben einer Vielzahl von Komponisten und reinen Medienkünstlern finden sich unter den Preisträgern auch Radiokünstler, die durch ihre Bücher mindestens ebenso bekannt sind wie als Hörspielautoren: Hartmut Geerken, Ferdinand Kriwet, Walter Kempowski, Gerhard Rühm, Franz Mon und Urs Widmer. Völlig singulär aber ist der Glücksfall dieses 40. Sczukapreises, der für Hörspiel als Radiokunst an Friederike Mayröcker vergeben wird - und dies eine Woche bevor sie für ihr Gesamtwerk den wichtigsten Literaturpreis der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis erhält." In seiner Laudatio bei der Preisverleihung sagte der Jury-Vorsitzende Klaus Ramm: "Friederike Mayröcker hat seit den fünfziger Jahren ihr Schreiben in eine Tradition gestellt, welche Literatur nicht mehr als zusammenhängende Schilderung von Figuren und Geschehnissen begreift, nicht als Gleitmittel für Inhalte und Botschaften, nicht als poetisch verbrämte Darstellung menschlicher Probleme oder Werte, sondern als einen immer neuen Anlauf, die sprachliche Prägung unserer Weltwahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer Existenz jenseits der liebgewordenen Konventionen ästhetisch zu erkunden: [...] nichts als offene Sprachverläufe, auskonstruiert bis in die winzigsten Verästelungen, ausgefunkelt bis in die winzigsten Vokabelreize und immer wieder umschlagend in die dichteste sprachliche Sinnesempfindung. [...] Selbst in einem Hörspiel mit dem Maler Matisse werden auch die akustischen Eindrücke, so unscheinbar sie sein mögen, ganz unmittelbar zu Wort-, zu Spracherscheinungen: die ‚Wassertrompete', die ‚Zyklamenstimme', ‚Sein Gurren, sein Garten'. In solch betörenden Wortverkuppelungen vollzieht sich im Hören auch eine fragile Verkuppelung mit dem Maler selbst, ein schwebender Stimmentausch [...] Friederike Mayröcker verzichtet [...] dezidiert auf die avancierten artikulatorischen Errungenschaften der Lautdichtung etwa oder auf die radiophon-materialen Klangverfahren der ars acustica, um dennoch das Hörspiel in vergleichbar extreme Gegenden voranzutreiben, ausschließlich durch die Intensivierung des literarischen, des poetischen Sprechens, ohne es auffällig aufzuladen, ohne es betont nach lautlichen Prinzipien zu generieren: sozusagen im Rücken der Theorien der akustischen Kunst ein geradezu paradoxer Vorstoß in neu zu entdeckende Gelände ebendieser genuin radiophonen Kunst. So erhält sie uns zumindest eine Ahnung von dem ästhetischen Reichtum des Mediums Radio, das sich selbst ja längst dem Ideal des flotten Durch- und Weghörens freiwillig hingegeben hat." Die unabhängige Jury, der neben Klaus Ramm Heinrich Vormweg, Christina Weiss, Monika Lichtenfeld und Johann-Georg Schaarschmidt angehörten, gab für ihre Entscheidung folgende Begründung: "Friederike Mayröckers Hörspiel 'Das Couvert der Vögel' ist ( auf singuläre Weise in der heutigen Hörspiellandschaft ( ganz aus dem Reichtum der Sprache entwickelt. Es entzündet seine poetische Imagination an den Bildern und Arbeiten des Malers Henri Matisse. Die Vielfalt und Schönheit der poetischen Sprache und die Intensität der sie artikulierenden Stimmen machen das Medium Radio zu einem Ort der Verknüpfung von Hörbarem und Sichtbarem, von Bilderreiz und Klangfarbenfülle. Die Musikalität des poetischen Sprechens gewinnt durch die sparsam akzentuierende Komposition Gerhard Rühms an Weite und Dichte. 'Das Couvert der Vögel' ist in seinem Zusammenklang von Sprache, Bild und Musik von einer betörenden Überzeugungskraft, die den Hörer staunend zurücklässt." Der seit 1955 vom Südwestfunk Baden-Baden verliehene, aber erst seit 1967 konsequent jährlich vergebene und nach dem Hauskomponisten der SWF-Gründerjahre benannte Karl-Sczuka-Preis wurde zunächst für Hörspielmusik vergeben. Er wird seit 1972 öffentlich ausgeschrieben und im Rahmen der Donaueschinger Musiktage verliehen für die "beste Produktion eines Hörwerks, das in akustischen Spielformen musikalische Materialien und Strukturen benutzt". Mit 90 gültigen Einreichungen von 125 Bewerbern aus 26 Ländern fand der Wettbewerb in diesem Jahr unter Radiokünstlern die größte Resonanz seit Stiftung des Preises. Weitere Informationen zum Karl-Sczuka-Preis und Biografien der Preisträger sowie den vollständigen Texte der Verleihungsrede von SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann finden Sie im Internet unter www.swr2.de/sczuka Dort finden Sie am Dienstag, 23.10. auch den vollständigen Text der Laudatio von Klaus Ramm. Ein Foto der Karl-Sczuka-Preisträgerin 2001, Friederike Mayröcker, finden Sie zum Download im SWR-Pressedienst unter www.swr.de/presse/pressebilder/bilder.html ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de Bei Rückfragen und für die Anforderung von Rezensions-CDs der Preiswerke wenden Sie sich bitte an die SWR2 Programmpresse, Georg Brandl, 76522 Baden-Baden, Tel.: 07221/929-3854, Fax: 07221/929-2238, E-Mail: georg.brandl@swr.de Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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