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REPORT MAINZ: Bundesminister verweigern zunehmend Interviews zu kritischen Fragestellungen
REPORT Mainz, heute, 6.8.2001, 21.00 Uhr im ERSTEN

Baden-Baden/Mainz (ots) - REPORT MAINZ: Bundesminister verweigern zunehmend Interviews zu kritischen Fragestellungen - Scharping zu Interviewabsagen: "Weil ich viel zu tun habe, weil es vom Thema abhängt und übrigens auch vom Magazin" - Klaus Bednarz/ Monitor: "Verweigerungshaltung der Politiker immer evidenter geworden" - Claus Richter/ Frontal 21: "In Deutschland herrscht hoheitliches Denken" Mainz: Nach Recherchen des ARD-Politmagazins REPORT aus Mainz verweigern sich Bundesminister immer häufiger kritischen Interviews. Dies gilt nicht nur für die Politmagazine in ARD und ZDF, betroffen sind auch recherchierende Kollegen von Zeitungen und Hörfunk. Nach einer Rundfrage von Report Mainz bei investigativen Fernsehmagazinen verweigert sich insbesondere Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) Interviewanfragen zu kritischen Themen. So hat der Verteidigungsminister allein den Politmagazinen in der ARD im Jahr 2001 mindestens zehnmal ordnungsgemäß angefragte Interviews verweigert oder abgesagt. Auch zu dem von REPORT Mainz für Montag, den 6.8.2001, geplanten Beitrag über dieses Phänomen wollte Scharping kein aufgezeichnetes Interview geben. Die REPORT-Autoren befragten ihn daraufhin bei einer lokalen Pressekonferenz in Erfurt am 27. Juli zu den vielen Interview-Absagen des Ministers. Scharping antwortete darauf lakonisch: "Weil ich viel zu tun habe, weil es vom Thema abhängt und übrigens auch vom Magazin." REPORT Mainz berichtet über das Phänomen, weil in der Sendung vom 16. Juli 2001 die Redaktion in drei von vier Beiträgen darauf hinweisen musste, dass b ei brisanten Themen Bundesminister keine Interviews geben wollten. Auch in anderen Politmagazinen der ARD sowie beim ZDF verstärkt sich dieser Eindruck. Klaus Bednarz, Redaktionsleiter von MONITOR (ARD/WDR) gegenüber REPORT Mainz: "Die Verweigerungshaltung der Politiker ist in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik immer evidenter geworden." Besonders unter der rot-grünen Bundesregierung habe sich dies noch verstärkt, so Bednarz. Manche Bereiche der Politik "haben sich noch hermetischer abgeschottet, als das unter der vorigen Koalition der Fall war". Beim ZDF-Politmagazin FRONTAL 21 kommt Redaktionsleiter Claus Richter zu einem ähnlichen Schluss: "Hier herrscht hoheitliches Denken, d.h. man gewährt Interviews und fühlt nicht die Verpflichtung, Interviews geben zu müssen." Für Richter, der lange Zeit im Ausland gearbeitet hat, ist dies ein typisch deutsches Problem, "in Amerika wäre ein solches Verhalten undenkbar", weil die Politiker dort mehr dem Gedanken des Mandats verpflichtet seien. Auch der Hauptstadtkorrespondent der FAZ, Karl Feldmeyer, kritisiert diese Entwicklung: "Sie (die Politiker) sehen in den Journalisten, und das bedaure ich, ein Medium, dass ihnen zu dienen hat. Und das kann natürlich nie unser (journalistisches) Selbstverständnis sein." Der Redakteur Jans König von der taz berichtet in REPORT Mainz über die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die der taz seit langem ein Interview verweigert: "Dieses Interview ist uns bis heute mit dem Hinweis auf die kritische Berichterstattung der taz in der Bildungspolitik verweigert worden". Ähnliche Erfahrungen macht Ewald .B. Schulte, politischer Korrespondent der Berliner Zeitung, u.a. mit Rudolf Scharping, der viel Zeit für seine private Affäre in Interviews verwendete, bei aktuellen Themen aber oft abtauche. Die ARD-Hörfunkkorrespondentin Henriette Wrege erzählt in REPORT vom Bundesverkehrsminister, der gerne Zeit für Persönlichkeitsgeschichten habe, aber zum Bahninterview zum Beispiel keinen Termin hatte. Kuno Haberbusch vom ARD-Politmagazin Panorama (NDR) stellt fest: "Es gibt Minister, die stellen sich solchen Interviews. Aber zunehmend machen wir die Erfahrung, andere verweigern sich, und zwar konsequent." Der ehemalige Leiter von FRONTAL beim ZDF, Ulrich Kienzle, beschreibt seine langjährigen Erfahrungen so: "Wie Feudalherren benehmen sich die Herren, die Information zu vergeben haben. Und die vergeben sie nur an Günstlinge und an Leute, die Gefälligkeitsjournalismus betreiben." Diesen Text zum Herunterladen finden Sie im Internet unter http://www.swr.de/presse/programminfos/index.html ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://www.presseportal.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Report Mainz, Tel.: 06131/929-3351. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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