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Das Erste : Presseinformation REPORT Mainz, heute, 6.8.2001, 21.00 Uhr im ERSTEN
REPORT MAINZ: Bundeswehrsoldaten waren der radioaktiven Strahlung von US-Atomraketen ausgesetzt

    Mainz (ots) -

    Ehemaliger Strahlenschutzbeauftragter erhebt schwere Vorwürfe

      Nach Recherchen des ARD-Politmagazins REPORT MAINZ
waren Bundeswehrsoldaten jahrelang der radioaktiven Strahlung von
US-Atomraketen ausgesetzt. Strahlenquelle waren die nuklearen
Gefechtsköpfe der amerikanischen Flugabwehrrakete Nike Herkules. Die
betroffenen Soldaten hatten täglich die Lenkflugkörper zu warten.
Dies bestätigt der ehemalige Bundeswehr-Strahlenschutzbeauftragte
Franz Sauer in REPORT MAINZ.

    Nach REPORT Recherchen sind viele der betroffenen Techniker mittlerweile an Krebs erkrankt. Der Mechaniker Wilfried Leier, der von 1970 bis 1972 in einer Nike-Stellung im nordrhein-westfälischen Lennestadt tätig war, stellt einen Antrag auf Wehrbeschädigung. Leier erkrankte neun Jahre nach seinem Dienst in der Nike-Batterie an Krebs.

    Die Strahlung betrug 4 Millirad pro Stunde. Diese Strahlung bewertet Michael Hoffmann vom Bundesamt für Strahlenschutz in REPORT wie folgt: "Eine Dosisleistung von 4 Millirad pro Stunde führt über 2000 Stunden zu einer Belastung von 80 Milli Sievert. Diese 80 Milli Sievert, wenn sie in einem Jahr empfangen werden, liegen um das Vierfache über dem Grenzwert der Strahlenschutzverordnung von 20 Milli Sievert. Damit ist ein entsprechend erhöhtes Krebsrisiko verbunden."

    Die Strahlung an den Atomraketen hatte Franz Sauer in seiner Eigenschaft als Strahlenschutzbeauftragter im Februar 1980 in einer Nike-Batterie in Holzwickede-Opherdicke selbst gemessen. Die Messung war laut Sauer verboten. Er als Strahlenschutzbeauftragter wurde für das unerlaubte Messen der radioaktiven Strahlung durch das Truppendienstgericht Nord mit 21 Tagen Disziplinararrest auf Bewährung verurteilt. Über das Messergebnis wurde Sauer nach eigenen Angaben vom Kommandeur des Flugabwehrraketenbataillons 21 "zum Stillschweigen verdonnert".

    Bei offiziellen Überprüfungen der Raketen durch US-Spezialisten
sei, laut Sauer, eine Regelung in Kraft getreten, die es bei
Routinewartungen durch das deutsche Personal nicht gab: Die Halle mit
den Atomsprengköpfen durfte bei solchen Untersuchungen von niemandem
länger als eine Stunde betreten werden. Diese Regel sei durch die
US-Spezialisten penibel eingehalten worden. Deutsches
Wartungspersonal musste sich nach REPORT-Informationen dagegen bis zu
sechs Stunden täglich bei den Atomsprengköpfen aufhalten.
    
    Bundeswehrsoldaten waren der radioaktiven Strahlung von
US-Atomraketen ausgesetzt
      
    Das Bundesverteidigungsministerium antwortete REPORT auf die Frage
"Welcher Strahlenbelastung war das Wartungs- und
Instandsetzungspersonal der Bundeswehr an diesen Atomwaffen
ausgesetzt?" wörtlich: "Nach unserer Kenntnis war Bundeswehrpersonal
nie an der Wartung oder Instandsetzung dieser Waffen beteiligt."

    Hans-Joachim Ahnert, Jurist des Deutschen Bundeswehrverbandes stellt dazu in REPORT fest: "Für die amerikanischen Streitkräfte zählt der Mensch in Uniform. (...) Das gilt für die Bundeswehr nicht - scheinbar bis heute nicht. Dort wird mit Informationen nicht so umgegangen, wie man es tun müsste. Sie werden zurückgehalten."

    Die NATO stationierte 1958 konventionell und nuklear bestückte
Nike Herkules Raketen in der Bundesrepublik. Bis 1986 lagerten 1.200
Nike-Atomsprengköpfe in 52 Batterien.
    
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