SWR - Südwestrundfunk

Das Erste: Bewohner für das "schwarzwaldhaus1902.de" gefunden / Berliner Familie setzt sich gegen 650 Mitbewerber durch
Drehbeginn für Historische Dokumentation ist Anfang August

    Baden-Baden (ots)          - Achtung Sperrfrist, Mittwoch, 1. August 2001, 12.00 Uhr!!! -

    Die Hauptakteure der Langzeitdokumentation "schwarzwaldhaus1902.de" des Südwestrundfunks (SWR) stehen fest: Familie Boro aus Berlin konnte sich in einem sieben Wochen dauernden Casting gegen über 650 Bewerberfamilien durchsetzen. Nach einer Trainigsphase im Juli 2001 wird die fünfköpfige Familie insgesamt 10 Wochen auf einem Schwarzwaldhof wohnen und arbeiten - unter authentischen Lebensbedingungen des Jahres 1902 ohne Web, WC und Waschmaschine.          Besonders die Natürlichkeit und das lebendige Familienleben der Boros beeindruckte beim Casting, das, unterstützt von der Programmzeitschrift "TV Hören und Sehen", durchgeführt wurde. Mit ihrer Neigung, Probleme im Familienkreis offen zu reflektieren, erfüllt die Familie eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene filmische Aufarbeitung der Zeitreise ins bäuerliche Leben um die Jahrhundertwende. "Uns hat die Lebendigkeit und die Kommunikationsstärke der Familie überzeugt", begründet Projektleiter Rolf Schlenker (Fernsehen Wissenschaft und Bildung") die Wahl. Außerdem begreifen die Beteiligten das Leben im "schwarzwaldhaus1902.de" als Chance, den Zusammenhalt ihres Familienverbandes unter Extrembedingungen zu testen.          Vater Ismail Boro, promovierter Ingenieur, entwickelt als Selbstständiger Abfallkonzepte für Behörden und die Industrie - vor allem im Büro. Seine Frau Marianne, ursprünglich aus dem Kölner Raum, ist Erzieherin, leitet einen privaten Kindergarten und arbeitet als Homöopathin. Die Töchter Reya-Anna (18) und Sera-Emine (15) besuchen das Gymnasium, Sohn Akay-Mathias (11) besucht die Grundschule. Stellvertretend für die Zuschauer sind die Boros Kundschafter und begeben sich auf eine Zeitreise in archaische Lebenswelten. Spätestens bei der Heumaht mit der Sense, der Geburtshilfe für eine kalbende Kuh oder dem Zehren von den selbst eingebrachten Vorräten im grimmigen Schwarzwälder Winter werden deshalb Konfliktfähigkeit und Improvisationstalent der Beteiligten auf eine harte Probe gestellt.          Vier Tage Training haben die Zeitreisenden schon hinter sich gebracht. In einem von Experten begleiteten "Schnellkurs" lernten sie das Versorgen der Stalltiere, das Kochen auf einer gemauerten          Feuerstelle, das Wäschewaschen im Zuber oder den Umgang mit dem Deichelbohrer, fern von Gameboy, Satelliten-Fernsehen und Fast food. Mit großer Begeisterung, viel Eifer und dem nötigen Ernst sind die Bewohner eines Stadthaushaltes von 2001 in die Rolle der Bauernfamilie um die Jahrhundertwende geschlüpft. Für alle Beteiligten war der erste große Test mit Spannung erwartet worden, denn zwischen einer theoretischen Familienentscheidung und der tatsächlichen Praxis eines historischen Alltagslebens um 1900 könnte durchaus eine Kluft liegen. "Die Boros wagen einen Sprung in ein anderes Zeitalter und das bedeutet mehr als einen Wechsel der Kleider", betont Schlenker.          Ab dem 1. August 2001 wird mit den Boros eine moderne deutsche Familie des Jahres 2001 versuchen, ein typisch deutsches Leben vor hundert Jahren nachzuvollziehen. Und dabei nicht nur ein Stück Kulturgeschichte nacherleben, sondern traditionellen Wissens um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch wieder gewinnen.          Die Boros werden während ihrer beiden Aufenthalte im Schwarzwaldhaus vom 1. August bis 30. September 2001 und vom 19. Dezember 2001 bis 2. Januar 2002 von Experten begleitet und angeleitet, müssen den Alltag aber aus eigener Kraft und mit den technischen Mitteln des Jahres 1902 meistern. Um eine Verzerrung der Lebensbedingungen zu vermeiden, wird der genaue Standort des "schwarzwaldhauses1902.de" geheimgehalten.          Produziert wird die Dokumentation von "zero südwest", einer Tochter von "zerofilm", im Auftrag des SWR. Die von Martin Hagemann und Thomas Kufus gegründete Produktionsfirma "zerofilm" hat sich mit Autoren-Dokumentarfilmen für das Kino einen Namen gemacht, z.B. mit Stefan Schwieterts "A tickle in the heart" oder "Acordeón del diabolo" und aktuell mit Andres Veiels vielbeachtetem Film "Black Box BRD". Eine Ausstrahlung der vierteiligen SWR-Reihe ist für Herbst 2002 vorgesehen, donnerstags um 21.45 Uhr im Ersten.          Anmerkung: Mit der Familie sind Interviews nicht möglich. Für Fragen und Auskünfte steht Ihnen der Projektleiter Rolf Schlenker zur Verfügung.          Fotos stehen ab Mittwoch, 1. August, unter www.swr.de/presse/pressebilder/bilder.html zur Verfügung.

    Die Boros nach der ersten Trainingswoche im "schwarzwaldhaus1902.de"

    "Die Kamera ist der Gast in unserer Familie"
    
    Nach vier Tagen im "schwarzwaldhaus1902.de"-Trainigslager, haben
die Boros erste Erfahrungen im bäuerlichen Leben gesammelt - mit
überraschend positiven Ergebnissen: Die Heumahd, das Melken und
Käsemachen sowie das Hühnerschlachten ging der Berliner Familie unter
fachkundiger Anleitung gut von der Hand. Die größten Schwierigkeiten
lagen in der Umstellung des Tagesrhythmuses: "Viertel vor fünf aus
dem Bett und die Tiere versorgen", klagt Marianne Hege-Boro, "und in
der Zwischenzeit das Frühstück machen. Meistens 'schwarze Suppe', das
ist eine Suppe mit Schweineschmalz und Mehlschwitze. Für den
Städtermagen schon ziemlich gewöhnungsbedürftig." Ansonsten überwogen
die angenehmen Überraschungen: "Unsere Tochter Sera zum Beispiel, die
in Berlin eigentlich eher eitel ist, hat sich spontan mit der Kuh
angefreundet und ist jetzt Melkerin. Die lehnt jetzt morgens um fünf
an der Kuh Rita und wärmt sich."
    
    Die Motivation der Familie, sich am dokumentarischen Experiment im
Schwarzwaldhaus zu beteiligen, bringt Vater Ismail Boro auf den
Punkt: "Wir sind inzwischen Luxus gewohnt, aber wir beide kennen auch
die andere Seite des Lebens. Wir haben es nicht immer einfach gehabt.
Es ist uns wichtig, dass unsere Kinder auch das einmal kennenlernen."
Den guten Zusammenhalt der Familie auch unter Extrembedingungen zu
testen, hält Ismail Boro für eine weitere Herausforderung, die die
Boros im Schwarzwaldhaus meistern wollen. Und das im gegenseitigen
Einvernehmen: "Wir reden gerne miteinander", sagt der Familienvater,
"und dann versuchen wir eine Lösung zu finden, mit der alle zufrieden
sind." "Aber bei uns geht's auch schon mal hoch her", wehrt Marianne
Hege-Boro dem Eindruck einer pädagogischen Hölle aus guten Vorsätzen
und ebensolchen Gesprächen, "wir sind sicher keine harmoniebedürftige
Familie. Man muss die Sachen 'rauslassen. Solange wir auf dem Hof
Türen zum zuknallen haben, kann gar nichts schiefgehen."
    
    Über die ersten Erfahrungen auf dem Schwarzwaldhof zwischen
Streitkultur und Sensenschwung sprechen die Kinder der Boros,
Reya-Anna (18), Sera-Emine (15) und Akay-Mathias (11) im Interview.
        
    Heute stand beim Trainig für das "schwarzwaldhaus1902.de" unter
anderem Hühnerschlachten auf dem Programm. Wie schlachtet man ein
Huhn?

    Akay-Mathias: Man nimmt die Beine und die Flügel zusammen und hält das Huhn mit dem Kopf nach unten. Dann nimmt man einen Stock und schlägt kräftig aufs Genick, aber nicht zu doll, sonst platzt das Hirn. Auch nicht zu wenig, sonst ist es nicht betäubt. Dann legt man es auf einen Holzklotz. Fünfmal draufschlagen, dann ist der Kopf ab.          Hast Du das selbst probiert?     Akay-Mathias: Nein, ich hab' nur zugekuckt.          Würdet Ihr das im Ernstfall auch selbst machen?

    Reya-Anna: Wenn man Hunger hat, dann tut man eigentlich alles, so seltsam das jetzt klingt. Ich würde das schon schaffen, vielleicht mit ganz viel Überwindung, aber trotzdem.          Nach den ersten Trainigstagen: Ist das Leben auf dem Bauernhof härter oder leichter, als ihr Euch das vorgestellt habt?

    Sera-Emine: Ich hätte nicht gedacht, dass wir alles so meistern. Eigentlich hatte ich gedacht, wir kommen hier am ersten Tag an und können erst einmal nichts. Es hat sich aber von Anfang an gezeigt, wer was am besten kann. Bisher gab es keine unüberwindlichen Probleme: Wir konnten die Wiese mähen, das Melken hat funktioniert, das Essenmachen hat geklappt, gerade die ersten Tage hätte ich mir schwerer vorgestellt.          Gibt es irgend etwas, von dem Ihr denkt, das könntet ihr nicht schaffen?

    Reya-Anna: Wenn es so etwas gibt, wird das kein Problem: Wir sind ja nicht alleine auf dem Hof, sondern teilen die Arbeit untereinander auf. Jeder über nimmt die Aufgaben, die ihm liegen. Ich hab' beispielsweise große Probleme mit dem Melken. Ich kann's zwar, aber es dauert eine Stunde pro Kuh, und am Ende schmeiß' ich meistens den Eimer um. Also übernimmt Sera das Melken, Papa und ich mähen die Wiese, die Suppe kochen kann Mama am besten. Alles, was der eine nicht kann, kann dann eben der andere. Ich glaube, das wird sich in den nächsten Wochen noch weiter einspielen.          Der Schlüssel zum Leben auf dem Schwarzwaldhof ist also die Arbeitsteilung?

    Sera-Ermine: Ja, das hat sich auch sehr schnell so herauskristallisiert. Wir sind auch nicht mit fertigen Arbeitsplänen hier angekommen, sondern jeder hat mal alles probiert, und dann haben wir aufgeteilt. Ich hätte beispielsweise keinen Nerv fürs Suppekochen. In dieser Küche ist es so dunkel, da sieht man nichts, man muss also immer schätzen, was im Topf ist. Macht das Kochen eben die Mamma.          Akay-Mathias: Die Mamma hat dafür immer Angst, dass sich ein Tier beim Melken oder so verletzt. Zum Beispiel muss man den Hühnern immer in den Eierkanal gucken, bevor man die rauslässt, damit die ihr Ei nicht irgendwo verstecken. Als die Mamma heute nach dem Schlachten das Huhn gerupft hat, kam hinten ein Ei raus. Da ist die furchtbar erschrocken.          Wer ist in der Familie auf die Idee gekommen, sich beim Schwarzwaldhaus zu bewerben?

    Akay-Mathias: Die Mamma.          Wart Ihr alle gleich begeistert?

    Sera-Ermine: Wir haben das zuerst gar nicht ernst genommen. Mamma hat öfter 'mal so 'ne ganz tolle Idee. Irgendwann hat sie uns die Bewerbungsunterlagen aus dem Internet in die Hand gedrückt und sagte, wir sollten uns das 'mal durchgucken. Doll, haben wir gesagt, wir haben den Urlaub in Spanien gebucht, da kommt uns das gerade richtig (lacht). Richtig ernst haben wir das ganze aber erst genommen, als wir zum Casting eingeladen wurden.          War es ein Schock, als Ihr dann ausgewählt wurdet?

    Reya-Anna: Ja. Sera sind zuerst die Tränen gekommen. Besonders der Abschied von den Freunden kam uns schwer vor. Aber dann haben wir uns schnell an den Gedanken gewöhnt.          Wie ist der erste Eindruck vom Schwarzwald?

    Reya-Anna: Ich bin total überwältigt von der Landschaft. Gerade morgens, wenn der Nebel aufsteigt, ist es hier faszinierend.          Glaubt Ihr, dass die Faszination zweieinhalb Monate ohne Dusche und Deo übersteht?

    Sera-Ermine: Ja, einfach deshalb, weil alle auf diese Sachen verzichten müssen, die ganze Familie. Außerdem wissen wir ja, auf was wir uns eingelassen haben.          Reya-Anna: Die Zeit hier ist ja auch eine Erfahrung. Wer darf schon von sich behaupten, dass er sich über zwei Monate nicht geduscht hat? (lacht) Ich meine, ich nehme keinen Schaden davon, dass ich stinke.          Was macht Ihr Abends auf dem Schwarzwaldhof, wenn die Arbeit getan ist?

    Reya-Anna: Wir bekommen Brettspiele, die es damals schon gab, wie Mühle und Dame. Und einen Fußball kann man sich selber machen, aus Schweinedarm, glaube ich.          Habt Ihr das vor?     Reya-Anna: (zögert) Nein.          Ihr werdet jetzt schon probeweise gefilmt. Wie ist es, die ganze Zeit eine Kamera im Nacken zu haben?

    Reya-Anna: Am Anfang hab' ich vor dem Riesending auf den Schultern von Jörg, dem Kameramann, schon Respekt gehabt. Aber jetzt ist das ganz weg. Wir leben unser Leben ja weiter, und die Kamera ist der Gast, der unsere Familie besuchen darf. Wir sind eine Familie, die gut streiten kann, und das darf die Kamera ruhig mitansehen. In unseren Zimmern darf ohne unser Einverständnis ohnehin nicht gefilmt werden, und mehr Rückzugsmöglichkeiten brauchen wir auch nicht. Außerdem sind wir zu fünft, und es gibt nur einen Kameramann. Wenn wir alle keinen Bock mehr haben, laufen wir in fünf verschiedene Richtungen auseinander, und der arme Kerl steht in der Mitte und weiß nicht mehr, was er machen soll.

ots Originaltext: SWR
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Tel.: 07221/929-3273.

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