SWR - Südwestrundfunk

Erstes Deutsches Fernsehen: REPORT Mainz, heute, 19.02.2001, 21.00 Uhr
Galtür-Lawine vom 23.2.1999
Schweizer Gutachten deckt schwerwiegende Sicherheitsmängel und Fehler auf

Baden-Baden (ots) - REPORT MAINZ: Galtür-Lawine vom 23.2.1999: Schweizer Gutachten deckt schwerwiegende Sicherheitsmängel und Fehler auf Gerhart Baum fordert: Deutsche Justiz muss Ermittlungen aufnehmen Mainz - Nach dem Beschluss der Staatsanwaltschaft Innsbruck, die Ermittlungen gegen Verantwortungsträger bei der Lawinenkatastrophe von Galtür einzustellen, gibt es scharfe Kritik aus Deutschland an der Entscheidung der österreichischen Strafverfolgungsbehörden. Diese hatte ihre Ermittlungen auf der Basis eines REPORT Mainz vorliegenden Gutachtens des Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstituts von Davos eingestellt. Für REPORT MAINZ hat der frühere Bundesinnenminister Gerhart R. Baum das Schweizer Gutachten auf seine strafrechtliche Relevanz hin geprüft. Baum ist Exper te in der rechtlichen Aufarbeitung von Katastrophen, er vertritt die Angehörigen der Opfer der Flugschaukatastrophe von Ramstein sowie der Flugzeugabstürze der Birgen-Air und der Concorde von Paris. Baum kommt zu dem Ergebnis, dass das Gutachten eine Reihe von Fakten liefert, die eine weitere strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen zwingend macht. Wörtlich sagte der frühere Bundesminister: "Das Gutachten ist sehr gründlich, es ist auch vorsichtig und abwägend. Aber für den, der es genau liest, sagt es ganz deutlich, hier sind auch persönlich zurechenbare Fehler gemacht worden, bis in die letzte Minute hinein. In einem Ort, der überflutet war von Touristen, sind die primitivsten Sicherheitsregelungen nicht eingehalten worden und das kann nicht ohne strafrechtliche Sanktionen bleiben. Das hätte man untersuchen müssen - auch unter diesem Gesichtspunkt." Baum kommt zu dem Schluss, dass der Tod vieler Menschen hätte vermieden werden können, wäre auf die Extremsituation richtig reagiert und entsprechende Vorsorgemaßnahmen getroffen worden. Vor allem aus der Kenntnis der Angehörigen von Opfern aus Katastrophen fordert er, dass "alles getan werden muss", um nicht nur die objektiven Fehler, die gemacht wurden, festzustellen, sondern auch subjektive Fehler von individuellen Personen zu ermitteln, die für die Folgen verantwortlich sein könnten. Baum fordert, dass ein deutsches Gericht die Ermittlungen aufnimmt. Er hält es darüber hinaus für angebracht, dass das Bundesjustizministerium sich mit der Angelegenheit befasst. Gegenüber REPORT MAINZ äußerten die Gutachter des Schweizer Lawinenforschungs-instituts in Davos ihr Befremden über die Einstellungsverfügung der Innsbrucker Staatsanwaltschaft auf der Basis ihrer Untersuchungsergebnisse. Wörtlich sagten sie, sie seien "erstaunt gewesen, dass die Sache eingestellt wurde". Nach ihrer Ansicht belege ihr Gutachten, welche Sicherheitsmaßnahmen von seiten des österreichischen Risikomanagements vor dem Abgang der Lawine auf Landes-, Bezirks- und Gemeindeebene nicht hinreichend getroffen worden waren. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hatte ihren Einstellungsbeschluss vorrangig mit dem Gutachten des Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstituts in Davos begründet. Die Expertise hatte sie selbst in Auftrag gegeben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft geht aus dem 250 Seiten umfassenden Papier hervor, dass die Katastrophe "in einer so flächenhaft katastrophalen Größe nicht vorhersehbar" gewesen sei. So habe es zwar Versäumnisse gegeben, diese seien jedoch strafrechtlich nicht individuell zumessbar gewesen. Weiter kam die Staatsanwaltschaft auf der Basis des Gutachtens zu dem Schluss, dass die Evakuierung der rund 3000 Urlauber, die tagelang im Paznauntal eingesperrt gewesen waren, nicht zu spät erfolgt sei. Am 23.2.1999 waren bei einem Lawinenunglück von Galtür 38 Menschen, unter ihnen 21 deutsche Touristen, ums Leben gekommen. Seit 1999 lagen der Staatsanwaltschaft Innsbruck aus Deutschland Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vor. Sie wendeten sich gegen den Tiroler Landeshauptmann Wendelin Weingartner, den Bezirkshauptmann Erwin Koler, den Galtürer Bürgermeister Anton Mattle und jedes einzelne Mitglied der 17-köpfigen Lawinenkommission des Dorfes. Der Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Innsbruck stammt vom 10. Januar 2001. Diesen Text zum Herunterladen finden Sie im Internet unter http://www.swr.de/presse/programminfos/index.html ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Report Mainz, Tel.: 06131/929-3351. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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