SWR - Südwestrundfunk

Erstes Deutsches Fernsehen
Mittwoch, 24. Januar 2001
"Sklaven der Gaskammer", 23.30 - 0.15 Uhr

Baden-Baden (ots) - 23.30 - 0.15 Uhr Sklaven der Gaskammer Das jüdische Sonderkommando in Auschwitz Ein Film von Eric Friedler Dieser Film erzählt die Leidens- und Überlebensgeschichten von Häftlingen des so genannten Sonderkommandos in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau. Nur wenige "Sonderkommando-Häftlinge" haben überlebt und von diesen Überlebenden sind auch nur wenige bereit, über ihre Erlebnisse zu berichten. Viele von ihnen schämen sich bis heute, weil sie als Juden dazu verdammt worden waren, die Tragödie der zur Vernichtung bestimmten Menschen hilflos mitzuerleben. Für diesen Film brachen einige von ihnen erstmals ihr Schweigen und bezeugen die Vorgänge im Zentrum des industrialisierten Massenmordes. Sie taten dies auch deswegen, weil heute - Jahrzehnte nach dem Holocaust - immer häufiger unwidersprochen behauptet wird, die Gaskammern hätten niemals existiert. Die jüdischen Häftlinge des Sonderkommandos lebten im innersten Zirkel der Todesmaschinerie. Die Deutschen zwangen sie, unmittelbare Zeugen des Völkermordes zu sein. Das Morden besorgte die SS, doch die Beseitigung der Beweise und Spuren der Verbrechen wurde den im Lager völlig isoliert untergebrachten jüdischen Häftlingen des Sonderkommandos zugewiesen. Als Geheimnisträger der Vernichtung waren auch sie selbst zum Tode bestimmt. Primo Levi bezeichnet die Erfindung und Aufstellung der Sonderkommandos als das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus. Er schreibt: "Mit Hilfe dieser Einrichtung wurde der Versuch unternommen, das Gewicht der Schuld auf andere, nämlich auf die Opfer selbst, abzuwälzen, so dass diesen - zur eigenen Erleichterung - nicht einmal mehr das Bewusstsein ihrer Unschuld bleiben würde." Die Arbeitsvorgänge in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau waren ökonomisch und rationell organisiert. Die SS teilte die Häftlinge des Sonderkommandos im Bereich der Gaskammern und Verbrennungsanlagen in mehrere Gruppen ein. Die Häftlinge der ersten Gruppe erwarteten die Opfer in den Entkleidungsräumen und waren gezwungen - gelegentlich auch durch ablenkende und täuschende Erklärungen - dafür zu sorgen, dass sich die Menschen zügig entkleideten. Diese Häftlinge sammelten danach auch die abgelegten Kleider und Besitztümer der Opfer, säuberten die Entkleidungsräume und bereiteten diese zur Aufnahme eines neuen Transports vor. Eine zweite Arbeitsgruppe musste nach dem Vergasungsvorgang die Leichen aus den Gaskammern schleppen und zu den Öfen des Krematoriums oder den Verbrennungsgruben befördern. Darüber hinaus mussten sie die Gaskammern reinigen. Eine dritte Gruppe von Häftlingen war gezwungen, den Toten die Goldzähne zu ziehen und die Haare abzuschneiden. Eine weitere Arbeitsgruppe musste die Leichen dann in die Öfen des Krematoriums schieben. Schließlich mussten Häftlinge des Sonderkommandos die Asche der Ermordeten entsorgen und somit die letzten Spuren der Vernichtung beseitigen. "Wir lebten wie auf einem anderen Planeten" - so versucht einer der Überlebenden, die gespenstische Atmosphäre, die im Sonderkommando herrschte zu beschreiben. Auf einem Planeten auf dem es normal war, dass sich täglich tausende lebendige Menschen in kürzester Zeit in nichts als Rauch und Asche verwandelten. Die Berichte der Überlebenden des Sonderkommandos belegen aber nicht nur die Anatomie der Krematorien von Birkenau, sondern sind erschütternde Zeugnisse dafür, dass sie selbst diesen Ort nur äußerlich verlassen konnten. In ihren Träumen sehen sie die ineinander verknäulten Leichen in den Gaskammern, die brennenden Menschen in den Öfen und die Menge der Goldzähne, die man den Toten aus den Mündern riss. Denn auch dies gehört zur Geschichte des Massenmordes: die Ausbeutung des Menschen bis zum letzten. Es ging nicht nur um Mord, sondern immer auch um Raub und Bereicherung: "Geld und Gold - das war alles, was die Deutschen wollten", erzählt ein Sonderkommando-Häftling, der zeitweise die Goldzähne aus den Mündern der Toten ziehen musste. Die wenigen Überlebenden des Sonderkommandos versuchten nach dem Krieg zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen. Niemand sollte wissen, was sie gezwungen waren zu tun. Die aufgedrängten Schuld- und Schamgefühle mancher Überlebender waren so groß, dass sie noch nicht einmal die nächsten Familienangehörigen eingeweiht hatten. Aus diesem Grund war jede Interviewanfrage eine monatelange Überzeugungsarbeit. Eine Zustimmung erfolgte oft erst nach vielen Vorgesprächen und langem Zögern. Manche Interviews dauerten dann bis zu zehn Stunden und fanden im Beisein der Angehörigen statt, die bei diesem Anlass erstmals mit den Geschehnissen konfrontiert wurden. "Fünfzig Jahre habe ich kein Wort gesagt, erst jetzt und heute war es mir möglich, über die Leichenberge und die Toten zu sprechen, denen ich die Goldzähne herausnehmen musste." Dass die Überlebenden nun mit dem deutschen Fernsehen sprachen, mag Zufall sein. Oder wie es einer der Protagonisten nach dem Interview ausdrückte: "Es ist schon Ironie des Schicksals, dass ich gerade einem Deutschen das erzähle, was ich meinem eigenen Sohn bis heute nicht erzählen konnte. Aber das ist gut, sehr gut ... komm, lass uns einen Tee trinken." Diesen Text zum Herunterladen finden Sie im Internet unter http://www.swr.de/presse/programminfos/index.html ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Inken-Dürten Schreyer, Tel.: 06131/929-3272. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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