SWR - Südwestrundfunk

SWR: REPORT Mainz, heute, 20.11.2000, 21.00 Uhr im ERSTEN

    Baden-Baden (ots) -
    
    REPORT MAINZ:
    Massive Kritik am sogenannten Idiotentest für Alkoholfahrer
    - CDU/MdB Brunnhuber: "Das ganze System ist reine Geldmacherei"
    - "Bundestagsabgeordnete erlebten MPU als Tortur"
    - REPORT-Recherche: TÜV betrachtet Nachschulung als Geschäftsfeld
    
    Mainz: Die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) zur
Feststellung der Fahrtauglichkeit von Alkoholsündern im
Straßenverkehr, volkstümlich "Idiotentest" genannt, gerät zunehmend
unter Kritik. Gegenüber dem ARD-Politmagazin REPORT Mainz (SWR)
bezeichnet der stellvertretende verkehrspolitische Sprecher der
CDU/CSU Bundestagsfraktion, Georg Brunnhuber, "das ganze System" als
"reine Geldmacherei" und "Abzockerei" von auffällig gewordenen
Autofahrern. Brunnhuber bezichtigt den TÜV und die Dekra, die im
Auftrag des Bundes die meisten "Idiotentests" durchführen, der
Durchsetzung reiner materieller Interessen. Die Tests würden weder
zur Erhöhung der Verkehrssicherheit beitragen und auch nicht
sicherstellen, dass tatsächlich alkoholgefährdete Autofahrer erkannt
werden. Brunnhuber bezieht sich dabei auf Erkenntnisse von Experten
und Rechtsanwälten, die zahlreiche Fälle untersucht haben.
    
    Nach Recherchen von REPORT Mainz betrachtet der TÜV selbst Teile
der umfangreichen Kursangebote für alkoholauffällige Autofahrer unter
Umsatzgesichtspunkten. Nach einer REPORT Mainz vorliegenden internen
Kursanweisung des TÜV Nord vom August 2000, werden für den
"Idiotentest" tätige Psychologen aufgefordert, mehr Klienten in die
sogenannten Nachschulungskurse nach dem "Modell Leer" einzubringen.
Das "Modell Leer" bietet durch die MPU Durchgefallenen, in einem
14-stündigen Kurs die sichere Möglichkeit der Rückerlangung des
Führerscheins. Obwohl der TÜV Nord feststellt, dass die Gutachter dem
Nachschulungskurs zunehmend misstrauen, weil die "Wirksamkeit" und
"Angemessenheit der Kursziele und Inhalte" bezweifelt werden. Der TÜV
Nord empfiehlt trotz der eigenen fachlichen Zweifel: "Gutachter
können häufiger Kurse zur Wiederherstellung der Fahreignung empfehlen
- und die bei "Leer" mit gutem Gewissen. Ein Nachschulungskurs nach
dem "Modell Leer" kostet etwa 1000 DM.
    
    Gegenüber REPORT Mainz räumt die Leiterin der
TÜV-Begutachtungsstelle Berlin/Brandenburg, Karin Müller, ein, dass
die MPU überflüssig hohe Durchfallquoten hat. Etwa "50 %" der zum
"Idiotentest" gezwungenen fallen durch, "weil sie nicht richtig
beraten werden". Nach REPORT-Recherchen wird der "Idiotentest"
inklusive Dokumentation und Gutachtenerstellung innerhalb von gut
zweieinhalb Stunden durchgezogen. Der Verkehrsfachanwalt Michael
Hettenbach aus Ludwigsburg bezeichnet dies als "Fließbanddiagnostik"
und ein "Massengeschäft". Nach seinen Erfahrungen arbeiten die
Gutachter weitgehend unkontrolliert, obwohl sie hoheitliche Aufgaben
erfüllen.
    
    Jährlich müssen etwa 100.000 Autofahrer wegen einer Promillefahrt
zur MPU. Viele geben inklusive Gebühren und Kurshonoraren mehrere
tausend DM zur Wiedererlangung ihres Führerscheins aus. Das Geschäft
mit dem "Idiotentest" bringt in ganz Deutschland mehrere Milliarden
DM Umsatz. Nach REPORT-Recherchen sind nun auf unterschiedlichen
politischen Ebenen Initiativen zu erwarten. Der CDU/MdB Georg
Brunnhuber begründet gegenüber REPORT Mainz, warum die Politik dieses
Tabuthema bislang ausgespart habe:
    
    "Die Menschen haben wirklich Angst. Wer das durchgemacht hat,
möchte sich nicht weiter öffentlich äußern. Ich habe selbst Kollegen
hier im Deutschen Bundestag, die sagen, wenn du diese Tortur hinter
dir hast, willst du damit nichts mehr zu tun haben", weil "es eine
schmerzliche Selbsterfahrung ist, die sie hart getroffen haben."
    
    
ots Originaltext: SWR
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