SWR - Südwestrundfunk

SWR-Film "Enthüllung einer Ehe" ist authentisch
"Ach, wie gut, dass niemand weiß..?"

Baden-Baden (ots) - Häufig wird bei sozialen Fernsehdramen die Frage gestellt, ob die dargestellten Probleme realistisch sind, sie angemessen dargestellt werden und sich eines Voyerismus enthalten. Der Südwestrundfunk (SWR) hat sich in dem neuen Fernsehfilm von Michael Verhoeven "Enthüllung einer Ehe", der am Mittwoch, 8. November, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird, des Themas Transsexualität angenommen. Nina Hoger und Dominique Horwitz spielen das Ehepaaar Jana und Roman Westphal, dessen Familienglück ins Schlingern gerät, als sich herausstellt, das Roman transssexuell ist und schon immer eine Frau sein wollte. Über Transsexualität ist bisher wenig bekannt. Die Fachliteratur widmete sich bis in die 90er Jahr eher den medizinischen und juristischen Problemen, die Psychologie zeigt sich weitgehend ratlos, und auf dem Buchmarkt erschienen nur wenige biografische Publikationen in geringer Auflage. Außer in wenigen Dokumentationen und hier weitgehend unbekannten amerikanischen Filmen gibt es bisher kein Aufgreifen der Transsexualität in Massenmedien. Das Internet ist deshalb für Betroffene zu einer wichtigen Möglichkeit geworden, sich auszutauschen und gegenseitig zu beraten. Nun erscheint von einem Regisseur, dessen Name für das Aufgreifen gesellschaftspolitischer Stoffe steht, das erste Fernsehdrama zur Transsexualität. "Ich möchte mit filmischen Mitteln zeigen, vor welche Probleme Menschen gestellt werden, wenn sie entdecken transsexuell zu sein", sagte Verhoeven zu den eigenen Ambitionen, "und hoffe, das uns das Massenmedium Fernsehen dabei helfen wird." Der Filmemacher hat für seinen Film eng mit Betroffenen zusammengearbeitet. Eine von ihnen spielt in "Enthüllung einer Ehe mit. Sie hat die Authentizität des Filmes bezeugt und dem SWR erlaubt, ihren persönlichen Erfahrungsbericht zu publizieren, in dem sie wichtige Stadien ihrer "Metamorphose" schildert. Ach, wie gut dass niemand weiß...? Wie ich mein langgehütetes Geheimnis der Öffentlichkeit preisgab und was ich dafür bekam Seit ich denken kann, wäre ich lieber ein Mädchen gewesen als der Junge, der ich sein musste. Mein größtes Problem war, dass ich es weder als Kind noch als heranwachsender Mann wagte, den Eltern oder einer anderen Vertrauensperson meine geheimen Wünsche und Vorstellungen mit Nachdruck zu offenbaren und mitzuteilen. Vorsichtige Andeutungen diesbezüglich wurden stets als kindliche Hirngespinste abgetan, verharmlost, ins Lächerliche gezogen. Früh lernte ich, dass ein "anständiger" Sohn seinen Eltern keine Unannehmlichkeiten, wie Homosexualität und ähnliche Abweichungen von der Norm, bereiten sollte. So lebte ich in der Hoffnung, meine angeborene Zwangsvorstellung, eine Frau zu sein, die im männlichen Körper gefangen war, sei ein vorübergehender Zustand. Mit der richtigen Lebensgefährtin, glaubte ich, mit einer eigenen Familie und Kindern, würde sich mein inneres Gleichgewicht gewiss bald von selbst einstellen. Wie "richtig" die Partnerin war, die ich mit 24 fand, konnte ich damals noch nicht ahnen. Auch ihr verschwieg ich dreizehn Jahre lang, was mich innerlich nicht zur Ruhe kommen ließ. Wir heirateten, bekamen vier Kinder, bauten ein Haus. Obwohl ich mir große Mühe gab, möglichst männlich zu wirken, drängte mein weibliches Ich immer stärker nach außen. Bis durch Zufall die Aussprache mit meiner Frau unumgänglich wurde. Zum ersten Mal öffnete ich einem anderen Menschen mein Innerstes. Es war ein befreiendes Gefühl, auch wenn zunächst nächtelange tränenreiche Auseinandersetzungen folgten. Es war uns klar, dass wir die gemeinsame Ebene unseres künftigen Zusammenlebens erst am Ausgang des Dickichts unserer verknäuelten Gefühlswelten finden konnten. Die Anforderung an unsere Fähigkeit, vorbehaltlos und einfühlsam aufeinander einzugehen, schien unmenschlich hoch. Oft genug befanden wir uns am Rande der nervlichen Belastbarkeit, aber unsere Beziehung hat den Gang durch die Hölle überdauert, wurde inniger als zuvor. Zu dieser Zeit schloss ich mich einer Selbsthilfegruppe an und suchte einen Psychiater auf, der transsexuelle Menschen betreut und als Gutachter tätig ist. Ihm schilderte ich meine Zwangslage. Wenngleich ich mich als Frau fühlte, sah ich dennoch keine Möglichkeit in meiner speziellen familiären und beruflichen Situation, die körperliche Angleichung nach außen hin sichtbar zu verwirklichen. "Sie glauben gar nicht, was alles geht." Die lapidare Antwort des Arztes beschäftigte mich lange. Was würde alles ins Wanken geraten, wenn ich plötzlich vor aller Augen als Frau auftreten und in der neuen Gestalt weiterleben würde? Wie schnell wären meine Familie und ich selbst der Lächerlichkeit preisgegeben! Konnte ich von meinen Eltern und Geschwistern erwarten, dass sie meine Entscheidung akzeptierten und verstanden? Der Rest der Verwandtschaft, mein Freundeskreis, die zahlreichen Bekannten, wie sollte ich es denen bloß erklären? War ich doch für alle bisher ein ganz normaler Mann und Familienvater... Das berufliche Risiko bedenkend verlor ich schier den Vertand. Plötzlich sah ich die sorgsam fundierte finanzielle Existenz der ganzen Familie als Teil der Lawine, die ich im Begriff war loszutreten. Je mehr ich darüber nachdachte, umso unmöglicher erschien es mir, meine Mitmenschen schonend davon überzeugen zu können, dass ich nicht anders als in weiblicher Gestalt weiterleben konnte. Im selben Maß wie sich die Gewissheit in mir festigte, dass mein Leben als Mann für mich beendet war, wuchs meine Verzweiflung und Ratlosigkeit. In dieser entsetzlichen seelischen Verfassung fing ich an, mir vorzustellen, dass es eigentlich besser wäre, tot zu sein als transsexuell in einer derartigen Zwickmühle leben zu müssen. Verhaltenstherapeutische Einzelsitzungen bei einer kompetenten Psychotherapeutin halfen mir aus meinem Dilemma. Auch durch den nie abreißenden Dialog mit meiner Frau entstand langsam in mir die Bereitschaft, mich mit zwei unserer besten und langjährigsten Freunde über meine Lage und mein Vorhaben auszusprechen. Die Reaktion war mehr als nur ermutigend. Beide versicherten mir, dass sich an unserem freundschaftlichen Vertrauensverhältnis nichts ändern würde und dass ich ihnen vor allem als Mensch nahestehe, egal, ob als Mann oder als Frau. Für mich war damit die erste, entscheidende Hürde genommen. Ein Erfolgserlebnis, das mir die Kraft für weitere Wagnisse verlieh. Wesentlich schwerer fiel mir allerdings das klärende Gespräch mit meinen Kindern. Die beiden Mädchen, elf- und dreizehnjährig, waren zunächst untröstlich, denn sie befürchteten, dass unsere Familie daran zerbrechen würde. Feinfühlig und hellhörig hatten sie schon längst die gespannte Atmosphäre zwischen den Eltern wahrgenommen. Es gelang uns zu zweit, den Kindern glaubhaft zu versichern, dass wir unser möglichstes zu tun bereit waren, um das Familienleben weitgehend unverändert aufrechtzuerhalten. Nach einer Weile beruhigten sie sich allmählich und wurden sehr nachdenklich. Die weiteren Reaktionen unserer Kinder auf die Ankündigung, dass ihr Vater auf dem Weg war, eine Frau zu werden, würde genug Stoff für einen zweiten Artikel liefern. Meine Eltern reagierten auf meine Erklärung leider so, wie ich es in meinen bangen Vorahnungen erwartet hatte: ungläubig und schockiert. Eilig versuchten sie so viele Informationen wie möglich über das Thema zu erhalten und stellten dabei betroffen fest, dass Transsexualismus eine menschliche Erscheinungsform ist, die es tatsächlich gibt. Allerdings sei mein Fall völlig anders zu beurteilen als jene in den Büchern beschriebenen Fallstudien. Als Eltern wäre ihnen schließlich während meiner Kindheit eine derartige Veranlagung nicht entgangen. Folglich müsse es sich in meinem Fall nicht um "echte" Transsexualität handeln, sondern wohl eher um Charakterschwäche, Einbildung, eine fixe Idee, gestörtes Geltungsbedürfnis, Labilität ..? Ich müsse doch letztlich selbst einsehen, meinte mein Vater, dass ich niemals eine richtige Frau werden könne. Sehr viel Verständnis und Mitgefühl zeigten mein jüngerer Bruder und seine Frau für mein Vorhaben. Inzwischen ging ich bereits in Frauenkleidern zur Therapie, zum Psychiater, auch in die Stadt zum Einkaufen - Alltagstest. Nur brachte ich es ein gutes halbes Jahr nicht über mich, als Frau unser Haus zu verlassen. Lieber nahm ich es in Kauf, mich im Auto umzuziehen und zu schminken. Nicht gerade einfach, aber möglich. Die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung hatte inzwischen dazu geführt, dass mir meine Dienstkleidung nicht mehr passte. Also musste ich demnächst meinen Arbeitgeber und die Kollegen von meinen Plänen in Kenntnis setzen. Zuerst besprach ich mich unter vier Augen mit einem befreundeten Kollegen, zu dem ich großes Vertrauen habe. Aufmerksam hörte er meinen Ausführungen zu. Nur als ich den Gedanken äußerte, dass ich eventuell auch kündigen würde, wenn ich zu viele Kollegen oder Kolleginnen gegen mich hätte, unterbrach er mich höchst alarmiert: "Bist du verrückt?" Für ihn gäbe es nichts anderes, er würde zu mir halten und mir beistehen, wo immer es möglich und nötig wäre. Danach suchte ich die Betriebsärztin auf, die sehr viel Verständnis für meine Lage zeigte. Sie setzte meinen Arbeitgeber darüber in Kenntnis, dass es im Haus einen Fall von Transsexualität gebe. Mich ließ sie daraufhin wissen, dass er der Sache positiv gegenüberstehe und mich gern persönlich sprechen wolle. Mit sehr gemischten Gefühlen betrat ich das Büro meines Chefs, um ihm mein Vorhaben zu unterbreiten. Seine Reaktion übertraf meine kühnsten Erwartungen. Nicht nur sah er in dem Schritt, den ich vorhatte, keinerlei Probleme, sondern er bot mir auch seine persönliche Hilfe an, falls ich auf irgendeine Weise innerhalb seines Einflussbereiches Schwierigkeiten bekommen sollte. Nun musste ich noch alle Kolleginnen und Kollegen informieren. Es gelang mir, fast alle Kollegen zu einem Gespräch zu versammeln. Ich hatte sie in einem erklärenden Rundbrief vorbereitet, in dem ich zum ersten Mal als Frau zur Probe kam, hatten sich die Kolleginnen und Kollegen eine Überraschung ausgedacht. In der Pause stand ein liebevoll gedeckter Kaffetisch mit selbstgebackenem Kuchen bereit, auf dem eine rosa Kerze brannte. Jedesmal, wenn ich daran denke, kommen mir wieder die Tränen vor Glück. Mit einem großen Blumenstrauß gratulierten mir alle zum ersten Geburtstag als Daniela. Meine Briefe und mein verändertes Erscheingsbild betreffend habe ich sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Hauptsächlich wurde mein Mut bewundert und anerkannt, diesen Schritt öffentlich gewagt zu haben. Freilich werden auch immer wieder Zweifel an der Notwendigkeit und Richtigkeit meiner Entscheidung hörbar. Damit kann ich leben. Die Nachbarn, etliche Bekannte, die Eltern der Schulfreunde und die Lehrer meiner Kinder informierte ich teils persönlich, teils mit dem bewährten Rundbrief. Die Reaktionen deckten das gesamte Spektrum menschlicher Regungen ab, von Befremdung über Betroffenheit, Mitgefühl, bis zu vorbehaltloser Akzeptanz. Weder ich noch meine Kinder oder meine Frau wurden daraufhin als Außenseiter gehänselt oder abgelehnt, wie es mir in meinen Alpträumen immer erschienen war. Endlich war es vollbracht - mein Dasein als Frau war kein Geheimnis mehr. Dass ich diesen Gewaltakt der Selbstüberwindung jemals erfolgreich hinter mich bringen würde, lag lange Zeit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Im Rückblick sind viele Sorgen und Ängste unnötig gewesen, weil ich die Toleranz meiner Mitmenschen unterschätzt habe. ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Diesen Text zum Herunterladen finden Sie im Internet unter http://www.swr.de/presse/news/index.html Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Gabi Schlattmann, Tel.: 07221/929-3273. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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