SWR - Südwestrundfunk

Das Erste: Bitter- statt Süßstoffe im Spätprogramm des Ersten
"Die Wahrheit lieben, anders wird keiner groß"
SWR verfilmt Erzählung nach Anna Seghers

    Baden-Baden (ots) -      
    
    Ein Mann bindet sich eine Krawatte um, hört halb seiner Ehefrau
Marie (Julia Jäger) zu, die ihm etwas über Kinderschuhe aus Bakelit
vorliest, verlässt dann die Familie, um über eine Straße zu gehen und
ein übermächtiges Gebäude zu betreten: Hier wird Jan (Frank Giering)
seine neue Aufgabe als Untersuchungsrichter antreten, und er wird -
das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht - in die böse Fratze des
politischen Systems blicken. Zum 100sten Geburtstag von Anna Seghers
strahlt der SWR am 16. November um 23.00 Uhr den Film "Der gerechte
Richter" aus, der mehr Bitter- als Süßstoffe enthält und für den
hohen Qualitätsanspruch öffentlich-rechtlichen Fernsehens steht. Eine
Parabel über Gerechtigkeit und Wahrheit, Willkür und Macht - in aller
Nüchternheit und Strenge eine Geschichte von großer Kraft und
Aktualität. Ein Film, in dem die Außen- und Innenräume zur Metapher
von Unterdrückung werden und zusammen mit den spärlichen
Lichteinfällen zu einer außergewöhnlichen Bildsprache finden.
    
    Von Beginn an hängt etwas Bedrohliches in der Luft. Es hat keinen
Namen, deutet sich nur in der Architektur des Gerichts-Gebäudes an,
in seinen leeren dunklen, von anonymen Wächtern beobachteten Gängen.
Misstrauen setzt deshalb gleich ein, als Jans neuer Vorgesetzter und
früherer Ausbilder Kalam (Jürgen Hentsch) den jungen Richter mit Lob
und Schmeicheleien empfängt:  "Junger Freund, wir sind Genossen, Du
gehörst zu den Leuten, die wir jetzt brauchen. Man sagt Dir nach,
dass Du auf Recht und Gerechtigkeit hältst." Jan soll Gasko (André
Hennicke) einen kurzen Prozess machen, wegen Spionage. "Beweise" gibt
es keine, nur manipuliertes Material. Es riecht nach Komplott und
politisch motiviertem Schuldurteil. Gasko soll als Sündenbock für
einen anderen herhalten, aber Drohungen und Schläge konnten kein
Geständnis von ihm erzwingen. Jan weigert sich, ihn zu verurteilen,
und zitiert im guten Glauben an die Sache und das hehre politische
Ziel einen Satz von Heinrich Mann: "Die Wahrheit lieben, anders wird
keiner groß" .
    
    Seite 2: "Die Wahrheit lieben, anders wird keiner groß"
    
    Aber er hat sich über- und die Gegner unterschätzt, die sagen:
"Auf dem Weg zur Wahrheit müssen wir die Lüge entlarven." Und: "Wir
haben Millionen für uns zu gewinnen, was machen da ein paar
Unschuldige aus." Jan zahlt einen hohen Preis für seinen naiven
Idealismus: Er kommt als politischer Gegner ins Lager. Wie in einem
Kreis schließt sich die Geschichte, als er dort auf Gasko trifft, der
sich aus Verzweiflung über das erlittene Unrecht umbringen wollte.
    
    Die beiden Männer stehen in ihrer Wahrnehmung des Unrechts als
zwei gegensätzliche Pole dar. Während Gasko in seinem Musterprozeß
ein Beispiel für systematische Verfolgung sieht, das er mit seinem
Leben bezahlen muss, bleibt Jan bei seiner Überzeugung, dass es die
Einzelnen sind, die Schuld zu übernehmen und für die Wahrheit
einzutreten haben. Seine Zivilcourage lässt ihn am  Ende als Sieger
darstehen.
    
    In ruhigen Einstellungen und mit langsamen Kamerafahrten hat
Torsten C. Fischer zusammen mit Kameramann Theo Bierkens die von
Peter Steinbach bearbeitete Erzählung von Anna Seghers ins Bild
gesetzt. In den Hauptrollen glänzen Jürgen Hentsch, Frank Giering,
André Hennicke und Julia Jäger.
    
    Radikal ist die Aussage des Films: Gerechtigkeit ist kein
menschliches Prinzip, das im luftleerren Raum - schon gar nicht in
den inszenierten Räumen dieses Filmes - existiert, und es kann
jederzeit von Mächtigen für sich in Dienst genommen werden. Zwar hat
der Stoff hier einen konkreten zeitgeschichtlichen Hintergrund - die
50er Jahre in der ehemaligen DDR -, aber er ist als Gleichnis auf
alle politischen Systeme übertragbar.
    
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