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Das Erste: Presseinformation zu Report Mainz, Montag, 11.09.2000, 21.00 Uhr im ERSTEN

Baden-Baden (ots) REPORT MAINZ: Neue Kritik am Notärztekomitee "Cap Anamur" SPD/MdB Bindig: "Mehr Spontaneität als Qualität" Ex-Mitarbeiter: "Neudeck ist zu einem Katastrophen-Jet-Setter geworden" Mainz: Das international renommierte Notärztekomitee "Cap Anamur" sieht sich erneut scharfer Kritik ausgesetzt. Der Sprecher für humanitäre Fragen der SPD-Bundestagsfraktion, Rudolf Bindig, sagte gegenüber Report Mainz: "Bei Rupert Neudeck verbindet sich geradezu missionarischer humanitärer Eifer mit erheblichen Mängeln an der von ihm organisierten humanitären Hilfe, die sich mehr durch Spontanität als durch Qualität auszeichnet." Bindigs Kritk deckt sich mit der zahlreicher ehemaliger Mitarbeiter von Cap Anamur auf, die seit langer Zeit intern versucht hatten, die Arbeitsweise des Notärztekomittees zu verbessern. Es geht dabei um organisatorische und logistische Mängel bei weltweiten Nothilfeeinsätzen, bei denen es immer zu fatalen Zwischenfällen kam. Der langjährige Vetraute Neudecks, der Psychotherapeut Michael Tillmann aus Bremen, der Cap Anamur nach langjähriger Mitarbeit den Rücken kehrte, sagte im Report-Interview: "Ich glaube, dass Neudeck ein Pharisäer geworden ist...Er hat sich leider Gottes zu einem süchtigen Katastrophen-Jet-Setter entwickelt, der sich anscheinend auf dem Niveau eines Außenminister bewegen muss." Nach Informationen von Report gab es bereits Ende 1996 eine interne Krisensitzung bei Cap Anamur, bei der die Geschäftsführerin und der Schatzmeister den Rückzug Neudecks aus der praktischen Arbeit forderten. Hintergrund waren erhebliche organisatorische und finanzielle Probleme bei zahlreichen Hilfsprojekten. So waren zum Beispiel beim Minenräumungsprojekt in Angola zwischen 1992 und 1997 die Verwendung der Spendengelder nicht mehr nachvollziehbar. Nach REPORT Mainz vorliegenden Dokumenten sah sich Cap Anamur damals in einer fast ausweglosen Situation. Rupert und Christel Neudeck warnten damals in mehreren Briefen ihre Mitarbeiter vor weiterer Geldverschwendung. So heißt es in einem Brief vom 14.10.1997: "Wir werden die nächste Rechnungsprüfung wegen der Angola-Abrechnungen nicht überstehen. Damit ist unsere Gemeinützigkeit gefährdet. Man kann Prüfern manches erklären, das leider nicht mehr." Aus anderer Korrespondenz aus dieser Zeit geht hervor, dass offensichtlich Cap Anamur Mitarbeiter damals Spendengelder für private Zwecke genutzt haben. Ein deutscher Mitarbeiter musste damals Angola verlassen, nachdem er verhaftet worden war und "durch Alkohol und Weiberheldentum aufgefallen war", so die damalige Cap Anamur Ärztin Bernadette Much gegenüber Report. Steuerexperten gehen davon aus, dass Cap Anamur demnächst der Entzug der Gemeinnützigkeit droht. Hintergrund dafür ist der möglicherweise satzungswidrige Spendeneinsatz im Kosovo. In der Satzung ist dezidiert festgeschrieben, dass Spendemittel ausschließlich für "mildtätige" Zwecke ausgegeben werden müssen. "Mildtätig" meint im Unterschied zu "gemeinnützig", dass die Spenden nur für unmittelbare personenbezogene Nothilfe, also für Essen, ärztliche Versorgung und Notunterkunft ausgegeben werden dürfen. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil Spenden für mildtätige Zwecke höher steuerlich abgesetzt werden können, als Spenden für gemeinnützige Zwecke. Nach Report-Recherchen hat Cap Anamur jedoch massive Probleme, die insgesamt 58 Millionen DM zweckgebundener Spenden für den Kosovo satzungsgemäß auszugeben. Der Steuerexperte für Gemeinützigkeit des Bundes Deutscher Steuerberater, Peter Nitsche bilanzierte gegenüber Report: "In einem solchen Fall folgt zweifellos die Aberkennung der Gemeinützigkeit... Die Konsequenz ist zunächst für Cap Anamur, das die erzielten Einnahmen mit vierzig Prozent der Körperschaftssteuer unterworfen werden." Außerdem müsse der Vorstand damit rechnen, dass vierzig Prozent der falsch bescheinigten Spenden als Strafe an die Finanzbehörden abgeführt werden müssten. Der Steuerexperte machte Report Mainz gegenüber darauf aufmerksam, dass bei diesem Sachverhalt das Finanzamt keinerlei Spielraum hätte, weil dies "keine Soll- oder Kannvorschriften sind". Im Nachgang eines kritischen Report-Berichts vor drei Wochen hatte Rupert Neudeck das ARD-Politmagazin und die UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR massiv angegriffen. In dem Zusammenhang hatte Neudeck erklärt, seine Organisation würde nicht mehr mit dem UNHCR zusammenarbeiten. Dazu sagte die Vorsitzende der deutschen Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" Ulrike von Pilar gegenüber Report: "Ich halte überhaupt nichts davon, andere Organisationen in dieser Art und Weise durch den Dreck zu ziehen. Gäbe es den UNHCR nicht, müsste man ihn erfinden." Report berichtet über die neuerliche Kritik an Cap Anamur in der ARD, heute um 21 Uhr. Rupert Neudeck war von der Redaktion zur Teilnahme an einer Studio-Live-Diskussion im Rahmen der neuen SWR-Sendung "REPORT nachgefragt" (22.15 Uhr, SÜDWEST Fernsehen) eingeladen. Seine Zusage zog er kurz vor der Sendung zurück. Der SWR wird die Sendung zum Thema "Cap Anamur in der Kritik - sind die Nothilfeorganisationen überfordert" mit kompetenten Studiogästen live senden. Das Publikum ist zur kritischer Teilnahme eingeladen. ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Report Mainz, Tel.: 06131/929-3351. Der Text steht als RTF-Datei unter: http://www.swr-online.de/report zur Verfügung. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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