SWR - Südwestrundfunk

Südwestfernsehen deckt Tricks von Weinkritikern auf

Baden-Baden (ots) - Der Südwestrundfunk (SWR) berichtet am Donnerstag, 6. April 2000, um 22.15 Uhr über Manipulationen in der deutschen Weinkritik. Für die Reihe "Zeichen der Zeit" des Südwestfernsehens hat SWR-Autor Thomas Leif die Tricks in dieser Branche aufgedeckt: die Vermischung von Journalismus und Public Relations (PR), zunehmenden Gefälligkeits-Journalismus sowie fragwürdige Test-Methoden bekannter Kritiker. In der 45-minütigen Dokumentation "Die Tricks der Weinkritiker. Wie das Geschmackskartell funktioniert" kritisieren Winzer und Fachleute unter anderem die Arbeitsweise des renommierten Weinführers "Gault Millau". Selbst renommierte Weinautoren - wie beispielsweise August F. Winkler - bieten dem Weinhandel sogar schriftlich ihre Dienste an. In einem dem SWR vorliegenden Schreiben vom 28. September 1999 offeriert der Weinjournalist dem größten Weingut in Österreich, Lenz-Moser, ungeschminkt folgende Werbemöglichkeiten an: "1. Einbau von Lenz-Moser Weinen in diversen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften. 2. Lancierung von LM-Weinen (Lenz-Moser) bei Moderationen wie Galas, Weinproben et cetera. 3. Durchführung von Weinvergleichsproben mit Gewächsen von LM und darauf folgender Berichterstattung in namhaften Medien". Detailliert werden weitere Aktivitäten angeboten. Für 15 Weinprofile - also Kurzbeschreibungen für die Eigenwerbung von Lenz-Moser-Weinen, schlägt Winkler seinem Kunden "einen Pauschalpreis von 7.000 Mark vor". Die größte Kellerei Österreichs (Umsatz 1999: 48 Millionen Mark, 15 Millionen verkaufte Flaschen) bestätigte die Kooperation mit dem Journalisten. Winkler verteidigte seine Offerten für den Weinhandel gegenüber dem SWR nach der Konfrontation mit den vorliegenden Dokumenten: "Es könnte sein, dass da eine missverständliche Interpretation möglich ist, was ich bedauern würde. Ich glaube, dass es besser gewesen wäre, wenn ich das sozusagen in der dritten Person gemacht hätte". Vorwürfe gegen den "Gault Millau Wein-Guide" (Heyne Verlag, München) der in der Weinbrache als "Bibel für Weinfreunde" gilt, erhebt auch die Chef-Sommelière des Münchner Edel-Restaurants "Tantris", Paula Bosch. Gegenüber dem SWR berichtete sie von ihren Erfahrungen in der Jury des Gault Millau: "Ich habe die Erfahrung als Jury-Mitglied bei Gault Millau gemacht, dass die anfängliche Aussage, dass wir blind verkosten, für die ganze Runde meiner Kollegen und meiner Persönlichkeit nicht ganz zutreffend war. Ich konnte im Verlauf der Probe feststellen, dass mein Nachbar Herr Payne (Anm.: einer der beiden Chefredakteure des Gault Millau und gleichzeitig Einkäufer beim Weinhandelshaus Schlumberger) Unterlagen neben sich liegen hatte, die ganz eindeutig darauf hingewiesen haben, dass er wusste, was er probiert". Zwei Mitarbeiter, die bei den Proben anwesend waren, bestätigen, dass über die von den Verantwortlichen eingeräumte erste offene "Betriebsprobe" hinaus, auch weitere Proben offen erfolgten. Sie berichteten: "Die Proben für den Gault Millau laufen nicht verdeckt ab". An die Redaktionen Vermischtes/Fernsehen/ Wirtschaft und Verbraucher Eine frühere Mitarbeiterin erhebt zudem Vorwürfe gegen Armin Diel. Der Gault Millau-Wein-Guide Chefredakteur, Winzer und Präsident des VDP Nahe, habe Teile der von den Winzern jedes Jahr kostenfrei eingesandten etwa 18.ooo Probeweine verkauft. "Das Gros der Flaschen wurde gesammelt und verkauft. Einen Teil haben auch die Mitarbeiter bekommen, einen Teil hat er getrunken, und einige, etwa 100 wurden ja für die Probe für die Endausscheidung dann benötigt. Aber die meisten Flaschen hat er gesammelt und wurden weiter verkauft", sagte die frühere Mitarbeiterin dem SWR. Armin Diel bestätigte die Verkäufe: "Da sind schon mal für drei bis vier Mark Restflaschen verkauft worden", sagte er dem SWR. Winzer und Fachleute kritisieren die Arbeitsweise des Gault Millau. Karl-Otto Jung, ein Nahe-Winzer beispielsweise, sieht die Gault-Millau-Bewertungen "als höchst bedenklich und größtenteils falsch". Prof. Dieter Hoffmann von der Wein-Forschungsanstalt in Geisenheim findet den Weinführer sehr problematisch, weil der Eindruck erweckt würde, "als ob das ein sehr formal gesichertes Verfahren wäre und das ist es letztlich nicht. Es sind am Ende persönliche Einschätzungen der Autoren". Der Berliner Wein-Experte und Fachautor Dr. Ulrich Sautter befürchtet, dass im Wein-Journalismus "das Product-Placement mittlerweile einen so starken Platz eingenommen hat, das es immer schwieriger fällt, die redaktionellen und die werblichen Teile zu unterscheiden". In der 45-minütigen Dokumentation werden noch weitere Fälle der Vermischung von Werbung und Journalismus dokumentiert, das Geschäft mit teuren Wein-Raritäten beleuchtet und die Instrumentalisierung von Weinführern durch den Weinhandel nachgezeichnet. Sendung am Donnerstag, 6. April 2000, 22.15 Uhr im Südwestfernsehen: Die Tricks der Weinkritiker Wie das Geschmacks-Kartell funktioniert Ein Film von Thomas Leif ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Stephan Reich, Tel.: 07221/929-4233 oder Martin Ryan, Tel.: 07221/929-2285. Original-Content von: SWR - Südwestrundfunk, übermittelt durch news aktuell

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