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"Report Mainz", heute, 08.09.2008, 21.45 Uhr im Ersten Neue Studie: Sexualstraftäter werden zu selten auf Rückfallgefahr untersucht
Strafrichter sieht "gesetzgeberisches Defizit"

    Baden-Baden (ots) - Mainz. Nur ein kleiner Teil der Sexualstraftäter, die Kinder missbraucht haben, wird während des Gerichtsverfahrens auf seine Gefährlichkeit und die Rückfallgefahr hin untersucht. Das berichtet das Politikmagazin "Report Mainz". Das ARD-Magazin beruft sich dabei auf eine bislang unveröffentlichte Studie der Universität Kiel. Nach dieser Studie des Kieler Sexualmediziners Professor Hartmut Bosinski werden nur 15 Prozent der Ersttäter begutachtet. "Was uns ja doch schon schockiert hat, ist die Tatsache, dass das auch gilt für Täter, die schon mal eine einschlägige Vorbestrafung haben", sagte Bosinski "Report Mainz". Bei solchen Wiederholungstätern würden nur etwa ein Drittel (rund 33 Prozent) der Täter von einem Psychiater begutachtet.

    Ursache ist nach Ansicht von Sexualmedizinern, dass im deutschen Strafsystem eine zwingende Begutachtung im Wesentlichen nur dann vorgeschrieben ist, wenn das Gericht Zweifel an der Schuldfähigkeit des Täters hat oder eine schwere psychische Störung vermutet. Schuldfähige Täter gingen aber in den normalen Strafvollzug und blieben dort häufig ohne Diagnose und Therapie. In der Konsequenz bedeute das, dass "eine hohe Wahrscheinlichkeit" bestehe, dass viele Täter ohne Diagnose der Rückfallgefahr wieder auf freien Fuß kämen, so Professor Bosinski: "Die entziehen sich etwaigen therapeutischen Angeboten, werden damit auch nicht diagnostiziert und gehen unerkannt in ihrer Gefährlichkeit wieder in Freiheit."

    Das Bundesjustizministerium verwies gegenüber dem ARD-Magazin darauf, dass Richter schon jetzt solche Gutachten einholen könnten und es in vielen Fällen sogar explizit vorgeschrieben sei, einen Sachverständigen hinzuzuziehen. Das Gesetz sehe schon heute vor, dass in Fällen mittlerer und schwerer Sexualdelikte das Gericht die Gefährlichkeit des Täters zu prüfen habe. Erfahrene Strafrichter sehen hingegen dringenden Handlungsbedarf. "Ich sehe da ein gesetzgeberisches Defizit", sagt Karl Michael Böhm, Strafrichter am OLG Karlsruhe "Report Mainz". Böhm ist Sprecher der Behandlungsinitiative Opferschutz, einem Zusammenschluss renommierter Juristen und Gerichtsmediziner.

    Es sei zwar richtig, dass Richter schon jetzt Gutachter in allen Fällen hinzuziehen könnten, sagte Böhm "aber da es der Gesetzgeber nicht ausdrücklich vorsieht unterbleibt es in vielen Fällen."

    Zitate gegen Quellenangabe frei. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an "Report Mainz", Tel.: 06131/929-3351. Der Text als RTF-Datei unter: http://www.reportmainz.de

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