SWR - Südwestrundfunk

Das Erste : Montag, 27. März 2000
21.00 - 21.45 Uhr, Report Mainz

Baden-Baden (ots) - 21.00 - 21.45 Uhr Report Mainz Moderation: Bernhard Nellesen Report Mainz: Angehörige der Mordopfer von Dieter Zurwehme zeigen Justizbehörden in NRW an Angehörigen Anwalt: "grobe Amtspflichtverletzung" bei Strafvollzug von Zurwehme Report: Zurwehme-Therapeut warnte 6 mal vor Strafvollzugs-Lockerung Mainz: Der ehemalige Justizminister und jetzige Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Fritz Behrens, SPD, sowie leitende Beamte der Justizbehörden des Landes werden von Angehörigen der vier Opfer des Schwerverbrechers Dieter Zurwehme angezeigt. Der Anwalt der Angehörigen der Zurwehme-Opfer, Ralf Kurtenacker aus Remagen, begründet gegenüber dem ARD-Politmagazin Report Mainz die Strafanzeigen mit dem Verdacht auf fahrlässige Tötung. Dieter Zurwehme saß seit 1974 wegen Mord und anderer Delikte ein. Nach 25 Jahren Haft floh er im Dezember 1998 auf einem sogenannten Freigang. Es folgte eine acht Monate währende Flucht durch Deutschland, auf der er im März 1999 vier Rentner in Remagen ermordete. Im August 1999 wurde er nach einer wochenlangen Fahndung in Greifswald festgenommen. Grundlage für die Strafanzeige gegen die Justizbehörden in NRW sind jetzt bekannt gewordenene Dokumente aus dem Strafvollzug Zurwehmes, die belegen, dass es mehrere nachdrückliche Warnungen von einem Gefängnispsychologen davor gab, Zurwehmes Strafvollzug zu lockern. Dieser Psychologe hatte Zurwehme selber ein halbes Jahr lang therapiert und kannte den Schwerverbrecher aus dutzenden von Therapiesitzungen. Nach den Report Mainz vorliegenden Dokumenten gab es im Herbst 1996 über drei Monate hinweg mindestens sechs schriftliche Einlassungen des Gefängnispsychologen gegenüber vorgesetzten Behörden, die vor einem zu lockeren Strafvollzug bei Zurwehme warnten. Die Dokumente stammen aus den sogenannten Gefangenenunterlagen der JVA Bielefeld-Senne einschließlich dem psychologischem Beiheft von Dieter Zurwehme. Ein Großteil der Dokumente sind bislang nicht Teil der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten des bevorstehenden Prozesses gegen Dieter Zurwehme. Nach Informationen von REPORT Mainz sind sie bislang nicht einmal dem Düsseldorfer Justizministerium bekannt. Die Warnungen des Gefängnispsychologen Fortsetzung Report Mainz: Angehörige der Mordopfer von Dieter Zurwehme...... wurden von seinen Vorgesetzten offensichtlich nicht ernst genommen, um eine angeblich langjährige erfolgreiche Resozialisierungsarbeit Zurwehmes nicht zu gefährden. Gegenüber dem ARD-Politmagazin Report Mainz bewertet der Rechtsanwalt der Angehörigen der Zurwehme-Opfer, Ralf Kurtenacker aus Remagen, seine Strafanzeigen wie folgt: "Die konkrete Gefahr eines schweren Verbrechens (durch Zurwehme), die bestand auf jeden Fall und die begründet letztendlich auch den Vorwurf, den wir den Beschuldigten machen, gegen die wir nun Anzeige erstattet haben, den Vorwurf der fahrlässigen Tötung." Die Strafanzeigen reichte der Anwalt der Angehörigen am heutigen Montag bei der Staatsanwaltschaft Koblenz ein. Der Vorwurf der fahrlässigen Tötung ist laut Anwalt zurückzuführen auf eine "grobe Amtspflichtverletzung" und steht im Zusammenhang mit dem Strafvollzug von Dieter Zurwehme, der im Dezember 1998 einen sogenannten Freigang zur Flucht nutzte. Nach Recherchen von Report Mainz hatte es im Strafvollzug Zurwehmes offenbar immer wieder harte Auseinandersetzungen über die Gefährlichkeit des seit 1974 wegen Mordes und anderer Delikte einsitzenden Schwerverbrechers gegeben. Nach den Recherchen des Fernsehmagazins wurden wiederholt Warnungen des Therapeuten ignoriert. Dies führte im Ergebnis dazu, dass Zurwehme im sogenannten offenen Vollzug gehalten wurde und später sogar Freigang bekam, den er schließlich zur Flucht nutzte. Im Report-Interview bestätigt dies der als Supervisor des Gefängnispsychologen tätige Psychiater Michael Peters, der offen sein Unverständnis über die Entscheidungen des Justizvollzugamts Hamm bezüglich Zurwehmes Gefährlichkeit ausdrückt: "Die sind inhaltlich offenbar zu einem anderen Ergebnis gekommen. Wie sie das konnten, das ist das, was ich mich als Fachmann frage." Peters ist in diesem Zusammenhang von den Behörden in Nordrhein-Westfalen und auch vom Landtag noch nie angehört worden. Auch der Gefängnispsychologe, dessen Warnungen übergangen wurden, ist bis heute nicht zu seinen Erkenntnissen in Sachen Zurwehme befragt worden. Über ihn wurde jedoch unmittelbar nach Zurwehmes Flucht und den folgenden Verbrechen ein sogenanntes dienstliches Schweigegebot verhängt, das bis heute gilt. Der neue Prozess gegen Dieter Zurwehme wegen seiner auf der Flucht zwischen Dezember 1998 und August 1999 begangenen Straftaten soll im Mai in Koblenz beginnen. Im Kern geht es dabei um die sogenannten Remagen-Morde vom März 1999. Der Remagener Rechtsanwalt Kurtenacker will mit seiner Strafanzeige nun den Angehörigen der Zurwehme-Opfer ermöglichen, später zivilrechtlich gegen das Land Nordrhein-Westfalen vorzugehen. ots Originaltext: SWR Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Redaktion Report Mainz, Tel.: 06131/929-3351. 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