Amnesty International

Sierra Leone: amnesty kritisiert Einsatz von Kindersoldaten

    Bonn (ots) -

    5000 Minderjährige kämpften seit 1991 im Bürgerkrieg /
Rekrutierung von Kindersoldaten verletzt internationales Recht / ai
fordert Kontrolle des Handels mit Kleinwaffen / Verantwortliche
sollen vor Gericht / Sondergerichtshof für Sierra Leone muss
internationalen Standards entsprechen
    
    Wirksame Maßnahmen gegen die Entführung von Kindern und ihre
Zwangsrekrutierung im Bürgerkrieg in Sierra Leone hat die
Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) heute
anlässlich der Vorstellung eines neuen Berichts über das
westafrikanische Land gefordert. "Der Einsatz von Kindersoldaten muss
beendet, und die Verantwortlichen müssen vor Gericht gebracht
werden," sagt Ingo Jacobsen vom Bundesvorstand der deutschen
ai-Sektion.
    
    Mehr als 5.000 Minderjährige kämpften seit 1991 während des
Bürgerkrieges in Sierra Leone. Sie wurden sowohl von den bewaffneten
Oppositionsgruppen als auch von den Streitkräften der Regierung
rekrutiert. Die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Soldaten
ist durch internationales Recht verboten. Sie verletzt die
UN-Kinderrechtskonvention, die 1990 von Sierra Leone ratifiziert
wurde. Die meisten Kinder, die in Rebellentruppen kämpften, wurden
entführt und zum Kämpfen gezwungen. Viele von ihnen haben schwere
Menschenrechtsverstöße wie Morde oder Verstümmelungen begangen. Oft
standen die Jugendlichen während der Kämpfe unter dem Einfluss von
Drogen und Alkohol. Eine ähnlich große Zahl von Kindern wurde von den
Rebellen zu Arbeiten als Lastenträger und Diener gezwungen. Mädchen
wurden vergewaltigt und sexuell versklavt. "Die Kindheit wurde dem
langen und brutalen Konflikt geopfert," resümiert Ingo Jacobsen und
macht deutlich: "Ehemalige Kindersoldaten können zwar ihre Jugend
nicht zurückbekommen, aber wenn sofort gemeinsame Anstrengungen
unternommen werden, können sie ihr Leben wiedergewinnen."
    
    Nachdem am 7. Juli 1999 die Regierung von Sierra Leone und die
"Vereinigte Revolutionäre Front" (RUF) in der togoischen Hauptstadt
Lomé einen Friedensvertrag unterzeichneten, haben die Vereinten
Nationen und Nichtregierungsorganisationen sich bemüht,
Kindersoldaten zu entwaffnen und zu demobilisieren. Im Mai 2000
verschlechterte sich jedoch die politische Situation in Sierra Leone
wieder. Die Wiedereingliederungsprogramme wurden eingestellt, die
Kämpfe gingen weiter und die Zwangsrekrutierung von Kindern für die
Rebellen wurde fortgesetzt. Bereits entwaffnete und aus dem
Kriegsdienst entlassene Kindersoldaten der regierungsnahen Truppen
wurden wieder eingezogen.
    
    Im März, Juni und Juli dieses Jahres erhielten Mitarbeiter von
amnesty international Aussagen von ehemaligen Kindersoldaten der
Rebellen und regierungsnaher Milizen. Viele haben beschrieben, dass
sie vor den Kämpfen gezwungen wurden, Alkohol zu trinken und Drogen
zu nehmen. Einige der Kinder bestätigten, dass sie - oft unter dem
Einfluss von Kokain - extrem brutal vorgingen. So berichtete
beispielsweise ein heute 14-Jähriger, der 1998 von regierungsnahen
Truppen entführt wurde: "Wenn ich kämpfen gehe, rauche ich vorher
genug. Dann habe ich vor nichts mehr Angst. Wenn du dich weigerst,
Drogen zu nehmen, nennen sie es Sabotage, und du wirst getötet."
    
    Der weltweite Handel mit Kleinwaffen - wie dem in Afrika weit
verbreiteten deutschen G3-Gewehr - fördert den Einsatz von
Kindersoldaten. amnesty international fordert die Einstellung jeder
militärischen Unterstützung der Rebellentruppen in Sierra Leone.
Außerdem müssen wirksame Maßnahmen getroffen werden, um die
Verteilung von Waffen und Munition an die Regierung des
westafrikanischen Staates zu überwachen und sicherzustellen, dass
diese nicht in die Hände minderjähriger Soldaten gelangen. "Präsident
Ahmad Tejan Kabbah muss sicherstellen, dass die Regierungstruppen die
Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten beenden", fordert
Ingo Jacobsen.
    
    Der heute vorgelegte ai-Bericht wendet sich mit konkreten
Empfehlungen an alle Gruppen, die an der Rekrutierung und dem Einsatz
von Kindersoldaten in Sierra Leone beteiligt sind, sowie an die
internationale Gemeinschaft. Diese umfassen die Forderung nach der
sofortigen Freilassung aller Kinder, die von der RUF festgehalten
werden, und ein sofortiges Ende der Rekrutierung und des Missbrauchs
von Kindern durch Oppositionstruppen. Kinderschutzorganisationen, die
den Prozess der Entwaffnung und Demobilisierung überwachen, muss
ungehinderter Zugang zu allen betroffenen Kindern gewährt werden. Die
internationale Gemeinschaft sollte für eine umfassende und
nachhaltige Unterstützung bei der sozialen, psychologischen und
materiellen Betreuung der aus dem Kriegsdienst entlassenen
Kindersoldaten sorgen.
    
    Darüber hinaus fordert amnesty international, dass all diejenigen,
die für diese gravierenden Verstöße gegen internationales Recht
einschließlich der Entführung und Zwangsrekrutierung der Kinder
veran_twortlich sind, vor Gericht gestellt werden. Der am 14. August
dieses Jahres von den Vereinten Nationen beschlossene unabhängige
Sondergerichtshof für Sierra Leone sollte deshalb zügig eingerichtet
werden. Voraussetzung ist, dass das Gericht den strengen
internationalen Standards für faire Gerichtsverfahren entspricht und
die Möglichkeit der Todesstrafe ausschließt. "Unabhängig von ihrer
gegenwärtigen politischen Stellung oder Überzeugung, müssen
diejenigen, die Kinder zwangsrekrutiert und zu den schlimmsten
Gräueltaten in diesem schrecklichen Bürgerkrieg gezwungen haben, zur
Verantwortung gezogen werden", macht Ingo Jacobsen deutlich.
    
    
ots Originaltext: amnesty international
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