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Heilbronner Stimme: Reinhold Messner: Pässe in den Dolomiten für Autos tagsüber sperren - "Wenn Sie in den Wänden klettern, ist es so laut, dass Sie keine Seilkommandos mehr geben können."

Heilbronn (ots) - Reinhold Messner (72), Europas bekanntester Extrembergsteiger, sieht die Entwicklungen in der Bergsteigerszene kritisch. Messner fordert im Interview mit der "Heilbronner Stimme" (Donnerstagausgabe) eine Sperrung von Pässen in den Dolomiten. Messner sagte: "Ich habe mich 20 Jahre lang dafür eingesetzt, dass die Dolomiten Weltkulturerbe werden. Unser Problem war zum Beispiel, dass man den Verkehr hat zu stark wachsen lassen. Wenn Sie im Sommer über die Dolomitenpässe fahren, kommen Sie nicht voran, es ist laut, von den Abgasen ganz zu schweigen. Wenn Sie in den Wänden klettern, ist es so laut, dass Sie keine Seilkommandos mehr geben können. Ich habe jetzt vorgeschlagen, die Dolomiten zu einem stillen, entschleunigten Raum zu machen und die Pässe von 9 bis 16 Uhr zu sperren. Die Werte, die verloren gegangen sind, könnten wir auf diesem Weg wiederherstellen. Die Leute kommen doch zu uns, weil sie sich erholen wollen und Abstand suchen zum lauten, stinkenden Verkehr. Im Sommer gibt es jetzt erste Versuche, die Idee von Entschleunigung und Ruhe umzusetzen. Den Bikern gehört diese Welt."

Messner, der alle 14 Achttausender bestiegen hat, erklärte zum zunehmenden Tourismus im Himalaya und anderen Bergregionen: "Mit Alpinismus hat das heute nichts mehr zu tun. Klettern, und das gilt auch für die Alpen, ist zum reinen Sport geworden. Die Männer und Frauen besteigen den Berg auf vorbereiteten Pisten - dies sind größere Hilfe als Sauerstoffflaschen. Sie kommen schneller voran, das Risiko nimmt ab. Ich bin sehr froh, dass ich den Mount Everest besteigen durfte, als dies noch ein individuelles, archaisches Erlebnis war. Heute kennen sich die Teilnehmer der Seilschaften ja gar nicht mehr, die kommen von allen Kontinenten. Ich beschreibe dies alles nur, ich kritisiere es nicht." Er ergänzte. "Die Alpen stehen im Zeichen des Tourismus. Massen sind auf den Klettersteigen unterwegs. Jedes Dorf legt Wert darauf, einen schwierigeren Klettersteig zu bekommen als das Nachbardorf. Aber das traditionelle, selbstverantwortete Bergsteigen an normalen Gipfeln nimmt ab. Das macht mich allerdings nicht traurig. Ich bin sicher, dass normale Bergsteigen überlebt: Es hat das größte Erlebnispotenzial und wird wiederkommen. Wenn Sie mit der Seilbahn auf einen Berg hinauffahren nehmen Sie ihn ganz anders wahr als wenn Sie zu Fuß hinaufgehen."

Zu den jüngsten tödlichen Unglücksfällen sagte Messner: "Wer auf die ganz hohen Berge klettert, muss damit rechnen, dort zu sterben. Wer absolute Sicherheit will, darf nicht in den Berg. Man muss sich klarmachen, dass seit Beginn des Alpinismus vor rund 250 Jahren etwa die Hälfte der absoluten Bergsteigerelite beim Klettern umgekommen ist. Man braucht auch Glück, um zu überleben, weil es Faktoren gibt, die der Mensch nicht völlig in der Hand hat. Das Wetter kann schnell wechseln, Lawinen können abgehen. Man muss meiner Meinung nach Bergen ihre Natürlichkeit lassen, zu der auch die Gefahr gehört, um die Menschen zum Respekt vor den Bergen zu erziehen."

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