CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

DR Kongo: "400 sexuelle Übergriffe pro Monat" CARE weitet Nothilfe aus

    Bonn (ots) - "Die UNO und die internationale Gemeinschaft muss die Frauen im Kongo besser vor sexuellen Übergriffen schützen", fordert Heribert Scharrenbroich, Vorsitzender von CARE Deutschland-Luxemburg anlässlich des internationalen Tages zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen am Dienstag, den 25. November. "Vergewaltigungen sind das Erbe des Kongokrieges", so Scharrenbroich. Von Januar bis September habe CARE 400 sexuelle Übergriffe auf Frauen monatlich gezählt, die Dunkelziffer liege aber weit darüber. "Der Konflikt treibt die Frauen den marodierenden Rebellen in die Hände, sie sind schutzlos ausgeliefert", so Scharrenbroich weiter. Der Konflikt reiße Familien auseinander. "Bis zu 20 Prozent der Frauen, die nach Goma geflüchtet sind, müssen sich allein um ihre Familien kümmern. Entweder wurden sie von ihren Ehemännern getrennt oder ihre Männer kamen in den Kämpfen ums Leben."

    CARE weitet die Nothilfe in Goma aus und versorgt weitere 800 Flüchtlingsfamilien. Dabei konzentriert sich CARE vor allem auf die Hilfe für Haushalte, die von Frauen geführt werden. Verteilt werden Materialien zum Bau von Notunterkünften, Küchenutensilien, Decken und Kleidung sowie Hygienepakete speziell für Frauen. "Für Frauen, die vergewaltigt wurden, stellt CARE Medikamente zur Verfügung, die die Übertragung von HIV kurz nach dem Übergriff verhindern können", erklärt Scharrenbroich. Diese Medikamente werden an Kliniken in Goma und außerhalb der Stadt verteilt.

    "CARE arbeitet intensiv mit anderen Organisationen zusammen, um die Gefahr für Frauen einzudämmen und ihnen sofortige Hilfe nach sexuellen Übergriffen zukommen zu lassen", beschreibt Scharrenbroich die Arbeit vor Ort. In der Region Birambizo in Nord-Kivu plane CARE ein Projekt, das vergewaltigte Frauen medizinisch unterstützt, Wasser und sanitäre Anlagen baut und Gesundheitspersonal im Umgang mit misshandelten Frauen schult.

    Bislang hat CARE mehr als 4.000 Menschen in Goma mit Nothilfe erreicht. In einer Klinik, welche CARE in Zusammenarbeit mit der Organisation Merlin errichtet hat, werden zudem Patienten mit Medikamenten gegen Cholera behandelt.

    ACHTUNG REDAKTIONEN: Uns liegt aktuelles Video- und Fotomaterial aus Goma vor. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Marion Michels (michels@care.de, 0228-975 63 23).

    -------- Zwei Fallstudien von Frauen-Schicksalen aus Goma:

    Goma, 14. November 2008 Maria (Name geändert), 42 Jahre alt

    "Ich komme aus dem Dorf Utamagenga in der Nähe von Rutshuru. In der Nacht zum 28. Oktober gab es dort viele Schießereien. Als wir die Schüsse hörten, waren wir sofort beunruhigt und wussten nicht, was wir tun sollten. Mit der Zeit kamen auch Geräusche von anderen Waffen hinzu. Wir waren in unseren Häusern gefangen und hofften, dass uns die Soldaten nichts tun würden. Doch dann hörten wir, wie Soldatenstiefel auf unser Haus zumarschierten. Mehrere Soldaten brachen unsere Haustür ein und erschossen sowohl meinen Bruder als auch seine Frau und seinen Sohn. Ich versteckte mich zusammen mit meiner Mutter, meiner Schwester und unseren Kindern in einem anderen Zimmer. Als sich eine  Fluchtgelegenheit ergab, rannten wir so schnell wie möglich aus dem Haus. Auf der Straße erwartete uns ein einziges Chaos: unzählige Menschen schrien und rannten willkürlich in verschiedene Richtungen. In der Menschenmenge verlor ich schließlich meine Familie. Ich flüchtete in einen Ort namens Karagera, aber als ich dort ankam, stellten sich mir fünf Soldaten in den Weg. Sie verlangten Geld von mir, damit ich weitergehen durfte. Da ich kein Geld hatte, musste ich ihnen meine Kleidung geben. Sie zwangen mich, meine Kleidung vor ihnen auszuziehen. Sie verschwanden kurz damit, doch kamen dann zurück und zwei von ihnen vergewaltigten mich. Meine Peiniger waren nicht betrunken, dafür aber sehr schmutzig. Sie schlugen mich immer wieder ins Gesicht bis es blutete. Dann ließen sie mich einfach liegen. Ich hatte furchtbare Schmerzen. Aus Angst schlief ich zwei Nächte in der Wildnis. Ich wusste weder was ich tun sollte, noch wohin ich gehen sollte. Dann erreichte ich ein kleines Dorf, wo mich ein Mann entdeckte und mir Kleider gab. Danach wanderte ich über 70 Kilometer nach Goma, dem einzigen Ort, den ich für sicher hielt. Unterwegs musste ich um Essen betteln und Wasser aus Quellen trinken. Nur so konnte ich überleben. Es könnte sein, dass mich die Soldaten bei der Vergewaltigung mit HIV angesteckt haben. Auf dem Rat eines Bekannten, bei dem ich wohne, ging ich deswegen zu einer Beratungsstelle.

    Ich habe keine Ahnung, was mit dem Rest meiner Familie  aus Utamagenga passiert ist, denn es gibt noch keine Neuigkeiten aus dem Ort. Ich habe drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Ich hoffe, dass es ihnen gut geht und sie in der Nacht, als wir getrennt wurden, vielleicht ein Nachbar mitgenommen hat. Ich hoffe auch, dass sie weiterhin zur Schule gehen, aber niemand weiß, was derzeit in meiner Heimat los ist. Ihr Vater, mein Ehemann, wurde im ersten Krieg, 1997, getötet. Die Zustände damals waren denen von heute ziemlich ähnlich. Ich habe Angst, dass meinen Kindern etwas zugestoßen ist. Aber ich weiß nicht, wie ich das herausfinden kann. Ich fürchte mich davor zurückzugehen, aber es ist die einzige Möglichkeit, um zu wissen, ob es meinen Kindern gut geht. Jedes Mal, wenn ich einen Soldaten der Regierung hier in Goma sehe, bin ich wie paralysiert.  Denn ich muss ständig daran denken, was sie mir, meinem Bruder und seiner Familie angetan haben."

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    Aus dem Kituka Camp, Goma, in dem CARE Nothilfepakete verteilt hat 11.November 2008

    Aisha, 20 Jahre alt

    "Ich bin 20 Jahre alt und habe vier Kinder. Wegen des Krieges musste ich von Ruhmangabo ins Flüchtlingslager fliehen. In Ruhmangabo wurde die Lage durch die ausbrechenden Kämpfe immer gefährlicher. Ich hatte Angst um meine Kinder. Mein Ehemann ist noch am Leben. Wir sind zusammen hierher gekommen. Aber jetzt liegt er mit einer schweren Malaria im Krankenhaus von Goma. Ich lebe alleine mit meinen vier Kindern in einer kleinen Hütte, bis er einigermaßen gesund ist und zu uns zurück kommen kann.

    Mit 16 Jahren, ein Jahr nachdem ich geheiratet hatte, bekam ich mein erstes Kind. Seitdem habe ich jedes Jahr ein Kind bekommen. Wir sind ursprünglich aus Bukeno und von dort bereits vor einem Jahr nach Rughmangabo vertrieben worden. Jetzt sind wir schon das zweite Mal in einem Jahr- diesmal nach Goma- geflüchtet. Beide Male mussten wir alles Hab und Gut hinter uns zurücklassen, da wir immer zu Fuß geflohen sind und nur die Kinder tragen konnten. Als wir hier ankamen, hatten wir nichts: keine Unterkunft, keine Kochtöpfe, Wassereimer oder Kleidung. Vor einem Monat gab man uns ein paar Abdeckplanen und beliefert uns seitdem einmal wöchentlich mit einer Essensration. Aber diese Woche haben wir noch nichts bekommen. Wir haben seit gestern nichts mehr gegessen. Ich habe gehört, dass CARE heute im Laufe des Tages Nothilfepakete verteilt, aber ich weiß nicht, was in diesen Paketen ist. Ich muss mir Behälter leihen, in denen ich Wasser transportieren kann. Außerdem bräuchte ich dringend neue Kleidung, damit ich die Sachen, die ich und meine Kinder tragen, waschen kann. Wenn es regnet, werden wir oft nass, da unsere Hütte nicht sehr wasserfest ist.

    Ich würde so gerne zurück nach Hause gehen, aber ich weiß, dass ich dort wahrscheinlich nichts mehr vorfinden werde, weil die Soldaten alles geplündert haben. Ich mache mir große Sorgen um meinen kranken Mann. Wenn er stirbt, weiß ich nicht, was ich tun soll. Meine Kinder sind alle noch sehr klein und ich weiß nicht, wie wir den Krieg allein überstehen sollen."

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