Ärzte ohne Grenzen

Sechs-Monats-Bilanz der UNAIDS-Pharmafirmen-Initiative: Sind die Preise der AIDS-Medikamente für die Armen "drastisch reduziert"?

Berlin (ots) - Die internationale Organisation ÄRZTE OHNE GRENZEN fordert die multinationalen Pharmakonzerne auf, sich an ihr Versprechen zu halten, die Preise für Aids-Medikamente drastisch zu reduzieren. Am 11. Mai 2000 berichtete das Wall Street Journal, UNAIDS und fünf Pharmakonzerne(i) beabsichtigten, "die Preise für HIV-Medikamente für die in armen Ländern lebenden Menschen drastisch herabzusetzen". Dem Artikel zufolge sollten in den folgenden Wochen genaue Preise festgesetzt werden. Mehr als sechs Monate später gibt es immer noch kaum Fortschritte bezüglich des versprochenen Preisnachlasses. Als ersten Schritt fordert ÄRZTE OHNE GRENZEN die fünf multinationalen Pharmakonzerne auf, die Preise ihrer Aids-Medikamente in armen Ländern sofort um 95 Prozent zu reduzieren. Praktisch bedeutet dies, dass Glaxo Wellcome sein Medikament AZT/3TC für 1.00 Dollar pro Tag (statt 19.60 Dollar) zur Verfügung stellen sollte, Bristol-Myers Squibb die Arznei d4T für 0.49 Dollar (statt 9.80 Dollar) und Merck für das Medikament efavirenz 0.65 Dollar berechen sollte (statt 13.20 Dollar). Die Preisnachlässe für arme Länder sollten sich an den bereits gültigen Nachlässen für Impfstoffe und Empfängnisverhütungsmitteln orientieren. So wird etwa die Polio-Impfung, die in den Vereinigten Staaten 10.93 Dollar kostet, für 0.09 Dollar an UN-Organisationen verkauft. "95 Prozent der mit HIV/AIDS infizierten Menschen leben in armen Ländern und können sich solche Medikamente nicht leisten, die ihr Leben verlängern und die Lebensqualität verbessern könnten. Wir fordern von den Pharmakonzernen, sich an ihre Versprechen zu halten und bis zur ersten Woche des Jahres 2001 öffentlich hierzu Stellung zu nehmen", so Dr. Bernard Pécoul, Leiter der Medikamenten-Kampagne von ÄRZTE OHNE GRENZEN. Länder, die nicht darauf gewartet haben, dass die großen multinationalen Unternehmen ihre Preise senken, haben die Kosten für antiretrovirale Aids-Medikamente bereits drastisch reduziert, wie Recherchen von ÄRZTE OHNE GRENZEN(ii) zeigen. Brasilien ist das eindrucksvollste Beispiel dafür, wie die lokale Produktion von Nachahmerpräparaten zu einer Reduktion der Preise führen kann. Infolge der Einführung billigerer generischer Medikamente werden in Brasilien 1000 HIV/AIDS Patienten zu denselben Kosten behandelt, zu denen in Uganda gerade einmal 228 Patienten behandelt werden können. Brasilien hat qualitativ hochwertige generische Grundstoffe importiert und daraus vor Ort die Endprodukte hergestellt. Länder wie beispielsweise Burkina Faso, Kambodscha, Guatemala, Südafrika und Uganda haben sowohl mit brasilianischen als auch mit indischen Herstellern generischer Medikamente Kontakte aufgenommen, die ihnen die notwendigen Produkte erheblich billiger zur Verfügung stellen können. Brasilien hat zudem mit anderen Entwicklungsländern über einen Technologietransfer diskutiert, damit diese beginnen können, ihre eigenen Qualitätsmedikamente herzustellen. Im Rahmen der UNAIDS-Pharmafirmen-Initiative müssen Länder mit jedem der Pharmakonzerne über jedes von diesen produzierte Medikament gesondert verhandeln. Dieses System lenkt wertvolle personelle Ressourcen von nationalen AIDS-Programmen ab, wohingegen die Menschen von wirklichen globalen Preisnachlässen sofort profitieren würden. Sechs-Monats-Bilanz der UNAIDS-Pharmafirmen-Inititative in Zahlen * Anzahl der Länder, die bis heute Preisnachlässe ausgehandelt haben: Eins (Senegal) * Anzahl der Menschen mit HIV in Sub-Sahara Afrika: 26 Millionen * Anzahl der Patienten, die von dem Programm profitieren, wenn es implementiert ist (Quelle: UNAIDS): Ca. 900 * Anzahl der Patienten, die Brasilien unter Nutzung erschwinglicher generischer Medikamente antiretroviral therapiert: Mehr als 90.000 * Preisrückgang der generischen antiretroviralen Medikamenten infolge der Einführung von generischen Medikamenten in Brasilien (1996-2000): 79 Prozent * Betrag, den Brasilien durch die Vermeidung von Hospitalisierung und Behandlung von opportunistischen Infektionen durch die erfolgreiche Nutzung von antiretrovialen Therapien gespart hat (1997-99): 472 Millionen Dollar * Jährliche Kosten der Dreifach-Behandlung in den USA: 10.000-15.000 Dollar * Jährliche Kosten der Dreifach-Behandlung, angeboten von einem indischen generischen Hersteller (Qualität gemäß internationalem Standard): 800-1000 Dollar (i) Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb, Glaxo Wellcome, Merck&Co.und Hoffmann-LaRoche (ii) HIV/AIDS pricing report. Setting objectives: is there a political will? MSF, July 6th 2000. ots Originaltext: Ärzte ohne Grenzen Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Weitere Informationen: Pressestelle, Petra Meyer, Tel: 030/22 33 77 00 Médecins Sans Frontières - Ärzte ohne Grenzen ist eine gemeinnützige, internationale humanitäre Organisation Original-Content von: Ärzte ohne Grenzen, übermittelt durch news aktuell

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