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Westfalen-Blatt: zu Jerusalem

Bielefeld (ots) - Wer im Heiligen Land die Lage eskalieren lassen will, der tut das an der für beide Konfliktparteien heiligsten Stelle. Wenn der Tempelberg ins Spiel kommt, bestimmt Religion die Politik. Nun ist es nicht so, als hätte Israels Regierung grundlos und aus reiner Schikane an den Eingängen zum Tempelberg Metalldetektoren aufgestellt. Der Entscheidung ging ein tödlicher Anschlag auf zwei israelische Polizisten an der sensiblen Stätte voraus. Und weil Sicherheit hier immer an erster Stelle steht, muss ein Ministerpräsident schnell und hart reagieren. Jedenfalls ein Ministerpräsident, der an der Macht bleiben will. Und das will Benjamin Netanjahu. Israels Regierungschef ist zu einem Getriebenen geworden. Sein Kabinett dominieren Nationalreligiöse und Siedler, auf deren Stimmen er wegen knapper Mehrheit angewiesen ist. Nach Zwischenfällen setzen die Scharfmacher Netanjahu mit ihren Forderungen unter Druck. Dem Premier wird es als Schwäche ausgelegt, dass er die Metalldetektoren am Tempelberg wieder hat entfernen lassen. Allerdings war er gezwungen, so zu handeln - um den Wachmann der israelischen Botschaft in Jordanien, der in Amman einen Angreifer und einen weiteren Mann getötet hatte, schnell zurück nach Hause holen zu können. Es heißt, dass der jordanische König Abdullah II. Netanjahu mehr oder weniger erpresst haben soll. Dazu muss man wissen, dass Jordanien über seine Stiftung den Tempelberg verwaltet. Wenn Netanjahu nun andere, bessere Kontrolltechnik ankündigt, dürfte auch das kein Befreiungsschlag sein. Denn die Palästinenser lehnen alles ab, was den Status Quo am Tempelberg verändert. Damit meinen sie auch neue Kameras, mit denen die israelische Polizei Gefährder erkennen will. Da Netanjahu sich keinen Gesichtsverlust leisten kann, muss er neue Formen der Überwachung des Areals durchsetzen - ganz gleich, ob die Muslime deswegen den Tempelberg samt Felsendom und Al-Aqsa-Moschee aus Protest boykottieren wollen und massenhaft in Jerusalems Altstadtgassen beten. Die weitere Eskalation ist also programmiert. Kommt die Eskalation Mahmud Abbas wirklich gelegen? Ja und nein. Der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde gilt als schwach und unbeliebt, weil er bislang relativ eng mit Israel zusammengearbeitet hat. Vor allem in Sachen Sicherheit. Denn Israel und Abbas' Fatah-Organisation haben den gleichen Feind: die islamistische Hamas, die im Gazastreifen herrscht und in Abbas' Westjordanland politisch immer stärker wird. Natürlich kann man Netanjahu und Abbas Schwäche vorwerfen. Aber die Aussicht auf das, was nach ihnen zu kommen droht, lässt die Situation beinahe erträglich erscheinen.

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