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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Merkels besonderer Woche

Bielefeld (ots) - Angela Merkel für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, ist sicherlich zu früh. Vielleicht auch gar nicht richtig, denn sie hat die Waffenruhe ja nicht alleine ausgehandelt. Und nicht zu vergessen: Noch ist nichts erreicht. Die Kämpfe in der Ostukraine dauern an. Mit Toten und Verletzten. Erst an diesem Samstag um 23 Uhr unserer Zeit soll der Frieden einen zweiten Anlauf nehmen. Wenn aber nach Minsk II die Waffen tatsächlich schweigen, wäre es der bislang größte Erfolg Angela Merkels. Es war ihre Woche. Wenn selbst Linksfraktionschef Gregor Gysi und auch die Grünen die Kanzlerin loben, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Keine Frage: Merkel befindet sich in der Form ihres Lebens - nicht nur körperlich, sondern (außen)-politisch. François Hollande war nicht die treibende Kraft in den deutsch-französischen Friedensbemühungen und auch nicht Frank-Walter Steinmeier, den Merkel überreden musste zu bleiben. Es war die perfekt russisch sprechende Bundeskanzlerin. Während Deutschland verblüfft über die Frage diskutiert, wie Merkel den 17-Stunden-Verhandlungsmarathon in Minsk fast ohne Schlaf überstanden hat, kam sie gutgelaunt von der Reise um die halbe Welt zurück und stürzte sich in die Arbeit. »Es ist ja morgen noch ein Arbeitstag.« Allein schon die Tatsache, Putin und Poroschenko in dieser festgefahrenen Situation zu Verhandlungen zu bewegen, war ein Erfolg. Dass nach 17-stündigen Verhandlungen tatsächlich eine Waffenruhe vereinbart wurde, hat Angela Merkel weltweiten Respekt entgegengebracht. In den USA wird in der »New York Times« nicht Barack Obama, sondern die deutsche Kanzlerin als die eigentliche Führungsfigur der westlichen Welt bezeichnet. Von Briten-Premier James Cameron, der mit seiner Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat, spricht ohnehin kein Mensch mehr. Die Stimmen der Kritiker, die Merkel unlängst vorgeworfen hatten, in dem Konflikt nur ein verlängerter Arm Washingtons zu sein, sind verstummt. Was bleibt, ist Merkel, die nun sogar von den Ländern gelobt wird, in denen sie noch vor Monaten wegen ihrer angeblich überharter Sparvorgaben mit Hakenkreuzsymbolen am Pranger stand. Auch wenn nach den Verhandlungen von Minsk längst noch nicht alle Fragen geklärt sind: Im Gegensatz zu Minsk I haben diesmal nicht Unterhändler die Waffenruhe unterzeichnet, sondern die Verhandlungsführer in Person von Regierungschefs und Präsidenten selbst. Das ist ein großer Unterschied und gibt Anlass zur Hoffnung. Die Regierungschefs stehen mit ihren Namen. Sie werden in die Geschichte eingehen - so oder so. Angela Merkel hat ihre besondere Rolle in der Welt sicher. In der kommenden Woche werden wir sehen, ob 20 000 Flugkilometer, 17 Stunden Verhandlungsmarathon und kaum Schlaf sich gelohnt haben. Dann wird sich zeigen, ob aus einem Erfolg der Diplomatie tatsächlich Frieden werden kann.

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