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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Weltkulturerbe Corvey

Bielefeld (ots) - Beim Konditor steht das Westwerk der Abtei: aus Marzipan. Die imposante Silhouette spannt sich über breiter Brust: auf T-Shirts. Und im Kreis Höxter fährt das Bauwerk immer mit: als Aufkleber am Auto. Am schönsten aber ist die Nachricht, dass die alte Reichsabtei und das Westwerk nun zum Weltkulturerbe der Unesco zählen. Ein nobler Titel - und der erste seiner Art in ganz Ostwestfalen-Lippe. Gratulation! Hut ab vor dieser beeindruckenden Allianz aus Idealisten, Visionären, hart arbeitenden Experten und begeisterungsfähigen Bürgern! Was sie gemeinsam erreicht haben, bietet Anlass zu den schönsten Hoffnungen. In Ostwestfalen ließ sich ja bislang mit glanzvollen Titeln selten prunken. Künftig wird das anders sein: Wir sind jetzt wer, und das ist im eifrig besungenen »Europa der Regionen« ganz sicher ein gerechtfertigter Satz. Dieser Erfolg schweißt zusammen. Und wen freute das nicht, dass der Kreis Höxter nun - nach dem ebenfalls unter großen Mühen durchgeboxten Großprojekt des Bilster Bergs - einen weiteren Schub erwarten darf. Jetzt also wird gefeiert. Die Anspannung fällt ab und macht der Erleichterung Platz. Schließlich war es ein langer Weg von den ersten Ideen im Jahr 1999 bis zum 21. Juni 2014, als sich die Unesco für Corvey entschied. Aber täuschen wir uns nicht: Ein ebenso langer Weg liegt noch vor den Gestaltern der jungen Weltkulturerbestätte. Die Unesco verlangt intensive Anstrengungen. Das Ensemble muss nicht nur erhalten, sondern auch zu einem Juwel geschliffen und poliert werden. Geschichtliche Tradition und schöne Fassaden allein reichen nicht aus. Kommt kein leistungsfähiges Besucherzentrum, dann wird man bei der Unesco in Paris die Stirn runzeln. Ganz dringend muss das verwahrloste Hotel vor den Toren der Anlage saniert werden. Die verkehrstechnische Erschließung ist wichtig. Und Paris wird es nicht hinnehmen, dass die Civitas Corvey und die Stadtwüstung (beide aus dem Mittelalter) auf Dauer der grüne Rasen deckt. Die Anlage ist Teil des Antrags, muss also präsentiert werden. Diese Ziele lassen sich nur gemeinsam erreichen. Die Bemerkung des Herzogs, dem die Schlossanlage gehört (und dessen Familie dort wohnt), die Unesco habe die Rechte der Besitzer gestärkt, darf nicht heißen, dass jetzt jeder Eigner Partikularinteressen verfolgt. Der Satz ist nur unter einer einzigen Prämisse hilfreich: Eigentum verpflichtet. Das Land NRW wird Corvey nur projektbezogen fördern. Die Reparatur des Daches einer Adelswohnung gehört nicht dazu. Corvey braucht jetzt ein Gremium, das über die Verteilung eventueller Landesmittel entscheidet. Sollten Stadt und Kreis Höxter sowie die Kirche ohne den Herzog an einem Tisch sitzen, könnten sie nur über den sakralen Teil des Weltkulturerbes befinden. Das wäre eine kleine Lösung. Und damit - im Sinne des Antrags - letztlich keine Lösung.

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