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Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Sarrazin:

Bielefeld (ots) - Nun hat die Bundesbank also doch Ernst gemacht und Thilo Sarrazin die Tür gewiesen. Es ist die erste Abberufung eines Vorsitzenden in der Geschichte der Deutschen Bundesbank. Wenn Bundespräsident Christian Wulff den Antrag unterzeichnet - und davon ist auszugehen -, ist Sarrazin weg vom Fenster, vorerst jedenfalls. Am Ende war der öffentliche und auch politische Druck zu groß. Spätestens nach seinem Auftritt in der Fernsehsendung »Hart aber fair« mit erneut rassistisch zu verstehenden Äußerungen war Sarrazin nicht mehr zu retten. Der Autor (»Deutschland schafft sich ab«) hatte sich mit weiteren verbalen Entgleisungen selbst immer weiter ins Abseits gestellt. Seine spätere Einsicht und Reue, zu weit gegangen zu sein, konnten den Anfang vom Ende Sarrazins nicht mehr stoppen. Mit der Einleitung eines Abberufungsverfahrens bekommt der Fall eine entscheidende Wende. Wurde zuletzt noch darüber diskutiert, ob Sarrazin sagen darf, dass »alle Juden ein bestimmtes Gen teilten, Basken bestimmte Gene hätten, die sie von anderen unterscheiden«, steht jetzt eine juristische Frage im Vordergrund: Darf die Bundesbank ihren Chef feuern, nur weil er seine Meinung geäußert und vielleicht dummes Zeug geredet hat? Die Juristen werden sich darüber streiten, ob Thilo Sarrazin seine Juden-These in seiner Funktion als Bundesbankpräsident, als SPD-Mitglied oder als Buchautor geäußert hat. Eine Rolle wird auch spielen, ob Sarrazin der Bundesbank Schaden zugefügt hat oder nicht. Aber unabhängig von allen juristischen Fragen: Fakt ist, dass Sarrazin als einer der wichtigsten Repräsentanten der Bundesrepublik mindestens aus moralischen Gründen für ein derart hohes Amt nicht mehr tragbar war. Seine Aussagen waren nicht nur unsinnig, sondern auch unerträglich. Sie haben ein schlechtes Bild auf Deutschland geworfen und alle hier lebenden Ausländer pauschal beleidigt. Somit ist es nur zu verständlich, dass dem Provokateur die rote Karte gezeigt wurde. Sarrazin hatte am Ende keine namhaften Unterstützer mehr. Auch das hat ihm letztlich das Genick gebrochen. Selbst Wissenschaftler, deren Thesen Sarrazin in seinem Buch für seine eigene Argumentation verwendet, haben sich mittlerweile von ihm distanziert. Aber dennoch: Thilo Sarrazin hat trotz aller verbalen Entgleisungen eine Integrationsdebatte in Gang gesetzt, die wichtig ist für ganz Deutschland. Hoffentlich erkennen das auch die Politiker, die sich zwar schnell zu Sarrazin, aber zum Teil noch gar nicht zum Thema Integration geäußert haben. Hier ist auch Bundespräsident Christian Wulff gefordert. Man wünschte, dass er sich gemeinsam mit der Kanzlerin an die Spitze einer ehrlichen Debatte über die Zuwanderungs- und Integrationsprobleme dieses Landes stellt - ohne zu spalten, wie Sarrazin es getan hat.

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