Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Loveparade:

Bielefeld (ots) - Der Sprachlosigkeit folgt jetzt die Informationsflut: Nachdem sich die Sicherheitsverantwortlichen der Loveparade am Tag nach der Katastrophe in einer grotesk anmutenden Pressekonferenz durch beharrliches Nichtssagen die Schuld gegenseitig in die Schuhe schieben wollten, tragen sie jetzt die vorgerichtliche Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit aus. Bisheriger Höhepunkt ist die Eröffnung einer Web-Seite, auf der Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller und seine Firma Lopavent hochprofessionell und haarklein die Vorgänge am 24. Juli in Duisburg aufarbeiten - aus ihrer Sicht. Damit erreicht der Streit über die Verantwortung für eine Katastrophe, bei der 21 junge Menschen ihr Leben verloren, eine neue Qualität, die weit über den Fall hinausweist. Während bislang über die Medien kommuniziert, gestritten und eine Öffentlichkeit hergestellt wurde, gewährt jetzt ein Medium Einblicke sozusagen bis in die Ermittlungsakte: das Internet. Seht her, so war es, dies ist die Wahrheit!, will uns Schaller mit der kaum zu bewältigenden Flut von Videos, Grafiken und Dokumenten sagen. Die Anmutung ist sachlich, unaufgeregt, um Aufklärung bemüht, auf den ersten Blick überzeugend. Dem im Vorfeld geäußerten Vorwurf, das Zeigen der Überwachungsvideos sei pietätlos, da sie das Sterben von 21 Menschen dokumentieren, entkräftet Schaller. Sämtliche abrufbaren Aufzeichnungen enden spätestens um 16.40 Uhr, kurz bevor die ersten Menschen zu Tode kamen. Eine sechseinhalbminütige Kurzdokumentation über die angeblichen Unglücksursachen hätte keine Fernsehredaktion handwerklich besser machen können. Die Sichtweise der Gegenseite wird selbstverständlich vorenthalten. So wirkt alles in sich schlüssig: Erst die Polizeisperren am Zugangsbereich zum Loveparade-Gelände haben für die tödliche Enge gesorgt. Aber war es wirklich so? Die Freischaltung der Internetseite zu diesem Zeitpunkt ist kein Zufall. Am Donnerstag will die Polizei dem Landtag ihre Version der Unglücksursachen erläutern. Die Öffentlichkeit solle anschließend ihre Bewertung vornehmen, meint Dieter Wehe, Inspekteur der NRW-Polizei. Bis dahin wollte Schaller aber nicht warten. Er beansprucht schon jetzt die Deutungshoheit. Wir erleben den erstmaligen Versuch, in einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren mit den geballten Möglichkeiten des Internet die öffentliche Meinung zu steuern. Unglaublich: Schaller spricht sich im Internet selbst frei. Ein fatales Signal, wenn diese Art der Aufarbeitung Schule macht. Eine objektive Abwägung gibt es bei aller Ausführlichkeit der Darstellung nicht. Die Generation Twitter verlangt danach vielleicht auch nicht. Vielen werden die zugegeben so noch nicht gezeigten Bilder reichen. Dies ist ein Beleg, wie wichtig jetzt die Rolle der seriösen Medien ist, wie unverzichtbar aber auch eine gesunde Skepsis bei Lesern und Zuschauern. Denn Schuldsprüche sollten der Justiz vorbehalten bleiben, nicht dem Internet.

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