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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Niedrig- oder Mindestlohn

Bielefeld (ots) - Das Lohnsystem franst nach unten aus. Stundenlöhne zwischen zwei und fünf Euro, wie sie in jüngster Zeit bekannt wurden, sind sittenwidrig - wenn nicht vor Gericht, dann doch im allgemeinen Sprachgebrauch. Ihr Bekanntwerden müsste den betroffenen Arbeitgebern eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben. Das Erschreckende ist: Einige verteidigen stattdessen das Lohndumping sogar noch. Nun aber kommt die Nachricht, dass schon mehr als jeder Fünfte in Deutschland für seine Arbeit nur mit einem Niedriglohn entgolten wird. Niedriglohn ist alles, was zwei Drittel des mittleren Stundenlohns nicht erreicht. Nach einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen steigt die Zahl der so gering Bezahlten seit 2001 kontinuierlich. Daraus leiten die Wissenschaftler die politische Forderung nach einem einheitlichen Mindestlohn ab, den sie auf 5,93 bis 9,18 Euro je Stunde setzen. Merkwürdig genug: Die obere Zahl läge immer noch unter der Niedriglohngrenze, die die Studie für Westdeutschland auf 9,50 Euro festgesetzt hat. Das Thema ist zu ernst, um mit Zahlen und Worten zu jonglieren. Erschütternd ist in jedem Fall, dass 3,6 Prozent aller Beschäftigten weniger als fünf Euro pro Stunde erhalten. Insgesamt sind das mehr als 1,1 Millionen. Im Alltag wirkt sich der Niedrigstundenlohn sehr unterschiedlich aus. Am schwersten haben es die, von deren Lohn eine ganze Familie leben soll. Sicher kann der Sozialstaat hier das ein oder andere Defizit ausgleichen. Doch unterm Strich sollte ein in Vollzeit beschäftigter Arbeitnehmer eigentlich genug Geld verdienen, um davon mit seiner Familie leben zu können. Der gleiche Niedrigstundenlohn hat als Taschengeldzugabe für einen Schüler einen viel niedrigeren Stellenwert. Ein Blick in die Studie zeigt, wer in diesem Land wirklich benachteiligt ist: Mit 35 Prozent ist der Anteil der Niedriglöhner in den östlichen Ländern viel höher als im Westen (15 Prozent). Betroffen sind zudem vor allem Leute ohne Berufsausbildung (38 Prozent), Jugendliche unter 25 Jahren (54), Frauen (30), Ausländer (34) sowie die Besitzer befristeter Arbeitsverträge (39). Ein anderes Kriterium, das bei der Studie nicht berücksichtigt wurde, ist die Frage des Trinkgelds. Ein Kellner kommt mit sechs und ein Friseur mit dem Einstiegsstundenlohn von 7,65 Euro dann vielleicht über die Runden, wenn die Kundschaft - wir alle - den Rechnungsbetrag großzügig aufstockt. Ein überall für alle Berufe einheitlicher Mindestlohn hätte vermutlich zur Folge, dass manche einfachen Arbeitsplätze ganz wegfallen. Das träfe gerade jene, die keine Berufsausbildung haben. Ihnen bliebe nichts anderes übrig, als das Heer der Hartz-IV-Empfänger zu vergrößern, womit sie weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden. Die Wirklichkeit ist kein Wunschkonzert. Ein Mindestlohn ist nur dann sinnvoll, wenn er für jede Branche getrennt von den Tarifparteien ausgehandelt wird.

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