Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Schulpolitik in NRW:

Bielefeld (ots) - Landtagswahlkampf ist eine schwierige Sache. Worüber soll man streiten, wo doch über die großen Themen in Berlin entschieden wird? Staatsfinanzen, Afghanistan, Hartz IV, Atomkraft - alles Sache des Bundes. Halt: Da ist ja noch die Bildung. Darüber bestimmen die Länder, so steht's im Grundgesetz. Also stürzen sich alle Parteien auf die Schule. Schluss mit dem Sortieren der Kinder nach Klasse 4! Her mit der Gemeinschaftsschule! So schallt es von links. CDU und FDP kontern mit dem Schlachtruf: Keine Experimente! Unser Schulsystem muss gerettet werden! Ministerpräsident Jürgen Rüttgers warnt gar vor einem »Schulkrieg« an Rhein und Weser. Das erste Opfer des Krieges aber ist stets die Wahrheit. Tatwerkzeug im Wahlkampf um die Schule ist der ideologische Holzhammer. Steckt alle Kinder zusammen, dann werden alle besser! Das ist ebenso wenig wahr wie die Behauptung, dass nur frühes Sortieren den unterschiedlichen Begabungen gerecht werde. Aber muss deshalb gleich das gesamte Schulsystem auf links gezogen werden? Wahr ist: Es gibt mehr Lehrer als vor fünf Jahren, die Klassen sind ein wenig kleiner geworden. Wahr ist auch: Es gibt noch immer Riesenklassen mit mehr als 30 Schülern - vornehmlich an den Gymnasien. Wahr ist: Es gibt mehr Ganztagsschulen. Wahr ist auch: Ganztagsunterricht ist die Ausnahme. Mehr Betreuung heißt nicht zwingend mehr Bildung. Wahr ist: Das Schulsystem ist durchlässiger geworden. Mittlerweile wechselt jeder dritte Realschüler zur gymnasialen Oberstufe. Wahr ist auch: Im dreigliedrigen Schulsystem gibt es noch immer mehr Ab- als Aufsteiger. Wahr ist: Die Hauptschule, auf die vor 40 Jahren noch mehr als die Hälfte aller Schüler gingen, ist zum Auslaufmodell geschrumpft. Heute nimmt sie gerade noch ein Achtel der Schüler auf. Wahr ist auch: 13 000 junge Leute blieben im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen ohne Schulabschluss. Kinder mit besonderen Lernproblemen aber wird es auch dann noch geben, wenn die Hauptschule tatsächlich abgeschafft werden sollte. Es gibt also viele Herausforderungen an die Pädagogik. Die aber spielt im politischen Geplänkel gar keine Rolle. Wie kann der seit 2006 im Schulgesetz verankerte Rechtsanspruch jedes Kindes auf individuelle Förderung endlich im Schulalltag verwirklicht werden? Dieser Frage gehen die wahlkämpfenden Kombattanten aus dem Weg. Denn darauf gibt es keine einfache Antwort. Auf Parteideutsch: Diese Frage ist nicht kampagnenfähig. Statt der x-ten Hopplahoppreform brauchen die Schulen langfristige Verlässlichkeit. Die aber kann es nur geben, wenn über alle Parteigrenzen hinweg eine Übereinkunft gefunden wird, wie eine gute Schule aussehen und was sie leisten soll. Diese Übereinkunft müsste allerdings länger als fünf Jahre gelten. Denn dann ist ja schon wieder Wahlkampf.

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