Allgemeine Zeitung Mainz

Allg. Zeitung Mainz: Frieden, aber wie?
Kommentar zu Weihnachten, von Friedrich Roeingh

Mainz (ots) - Da ist es wieder. Dieses besondere Gefühl, das sich in den letzten Stunden vor Weihnachten verbreitet. Die Rückbesinnung auf die Kindheit, die Dankbarkeit gegenüber den Eltern, ob sie noch leben oder uns schon verlassen haben. Mit einem Mal fällt der Ballast des Alltags von uns ab, scheint die Welt in weite Ferne zu rücken. Wie verlockend dieser Rückzug ins Private auch ist - eine heimische Bundestagsabgeordnete feiert die Geborgenheit ihrer Kleinfamilie in einem Weihnachtsgruß gar als das schönste aller Geschenke: Wir können das Fest des Friedens nicht feiern, ohne uns an den Unfrieden zu erinnern, der uns umgibt. Den Krieg in Syrien und im Irak. Den Bürgerkrieg in Kurdistan zwischen der türkischen Staatsmacht und der PKK. Und nach den verheerenden Anschlägen von Paris müssen wir uns leider gewiss sein, dass islamistische Terroristen alles daran setzen werden, den Krieg in unsere Städte und in unsere Herzen zu tragen. Zugleich versuchen Rassisten, nicht nur Flüchtlingsheime, sondern auch unsere Köpfe in Brand zu stecken. Pegida lässt grüßen.

Wie wollen wir unsere Werte verteidigen?

Es ist vor allem der Flüchtlingsstrom, der uns auch an den Feiertagen nicht loslassen wird. Nicht allein, weil in vielen Weihnachtspredigten die Analogie zwischen der heiligen Familie, die keine Herberge fand, und den Menschen, die zu uns gekommen sind, beschworen wird. Seit dem Fall der Mauer und der deutschen Einheit hat kein Thema mehr unser Denken und unser Bewusstsein so beherrscht wie der Beginn dieser modernen Völkerwanderung. Und der politische Streit darum, wie wir dieser Mammutaufgabe Herr werden sollen, welche Antworten wir darauf haben, welche Gefahren sie birgt, ja mit welchem Menschenbild wir dieser Herausforderung entgegentreten, werden in den kommenden Tagen auch unsere Begegnungen in der Familie und mit Freunden und Verwandten bestimmen. So erleben die Deutschen das politischste Weihnachtsfest seit vielen Jahren. Wenn sich der eine auch an den Feiertagen aufmacht, um sich im benachbarten Flüchtlingsheim zu engagieren und der andere den Untergang des Abendlandes heraufziehen sieht, dann war das Private noch nie so politisch. Es ist unvermeidlich, es ist richtig, dass wir diesen Streit miteinander führen. Wir können dabei erkennen, dass ohne Engagement, ohne Empathie und auch Mitgefühl die Verteidigung unserer Werte gar nichts wert ist. So wie Empathie und Hilfsbereitschaft nicht die Lösung politischer Probleme ersetzt: Die Bekämpfung der - von uns mitzuverantwortenden - Fluchtursachen, die Wiederherstellung geordneter Abläufe und rechtsstaatlicher Verfahren, die Herkulesaufgabe Integration.

Es geht nicht um Hilfsbereitschaft vs. Hartherzigkeit

Bei allem notwendigen Streit darum dürfen wir uns nicht vormachen lassen, es gäbe nur Schwarz oder Weiß, nur Hilfsbereitschaft oder Hartherzigkeit - beziehungsweise aus dem anderen Blickwinkel nur Helfersyndrom oder pragmatischen Realismus. Gerade diejenigen Menschen, die sich persönlich um Flüchtlinge kümmern, sind sich der finanziellen, organisatorischen und kulturellen Probleme oft nur allzu bewusst, vor die uns die Fluchtbewegungen stellen. Wir müssen auch aushalten, dass sich gerade in elementaren Fragen nicht jeder Streit auflösen lässt, Positionen unvereinbar bleiben. Wer für die Bewahrung unserer aufgeklärten Gesellschaft eintritt, der lässt aber eines nicht zu: Dass wir uns angesichts dieser Herausforderungen und selbst im Wissen um die terroristische Bedrohung radikalisieren. #

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