Allgemeine Zeitung Mainz

Allg. Zeitung Mainz: Ohne Nestwärme
Kommentar zu Parteichefin Merkel von Karl Schlieker

Mainz (ots) - Der Erfolg an der Wahlurne macht es möglich. Das eigene Parteivolk folgt ihrer Vorsitzenden Angela Merkel auf dem Modernisierungskurs. Nicht immer überzeugt, zuweilen murrend, aber letztlich doch brav und folgsam. Die erste Ostdeutsche, die erste Protestantin, die erste Frau an der CDU-Spitze wird eher respektiert und bewundert, als geliebt und verehrt. Manch Parteifreund vermisst die konservative Nestwärme, die alten Gewissheiten, wer Freund und Feind ist. Die Königin der Realpolitik hat viele Positionen der Altpartei aus dem Weg geräumt und die CDU langsam dort hingerückt, wo Wahlen gewonnen werden: in die Mitte der Gesellschaft. Nur zur Erinnerung, es handelt sich um die gleiche Partei, die vor Jahren mit unseligen "Kinder statt Inder"-Kampagnen oder Unterschriftenlisten gegen die doppelte Staatsbürgerschaft Wahlkampf getrieben hat. Die Zeiten ändern sich, eine Partei kann nicht stehen bleiben. Der bittere Preis ist die Öffnung der Parteienlandschaft nach rechts. Dabei ist Merkel keine kühne Visionärin, die ihrer Zeit mit innovativen Entwürfen vorauseilt. Sie steht für unerschütterlichen Pragmatismus, der nicht an Traditionen festhält. Nur in wenigen Momenten verlässt die Physikerin der Macht den Pfad des moderierenden, sich lange nicht festzulegenden Regierungsstils. Die Entscheidung, tausende Flüchtlinge aus Ungarn aufzunehmen, ist solch ein aus der Not geborener Moment. Die Partei ist aufgewühlt und muss sich erst mal wieder an die neuen Realitäten gewöhnen. Ein schmerzvoller, aber notwendiger Prozess.

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