Allgemeine Zeitung Mainz: Rütteln am Elfenbeinturm (Kommentar zum Literaturnobelpreis)
Mainz (ots) - Nun also Jean-Marie Gustave Le Clézio. Eines kann man der schwedischen Literaturnobelpreis-Jury beim besten Unwillen nicht vorwerfen - dass sie sich auch im geringsten um die Erwartungshaltung einer globalen Lesergemeinde schert. Gewiss ist es honorig und wahrscheinlich auch ästhetisch berechtigt, einen Autor mit der bedeutendsten Literaturauszeichnung zu adeln, der eher in versunkenen Welten "unterhalb der Zivilisation", so die Preisbegründung, zu Hause ist. Angesichts der jüngsten Pöbeleien des Jury-Vorsitzenden Horace Engdahl gegen die angeblich nur den literarischen Mainstream bedienenden US-Literaten muss man sich aber schon fragen, ob der Stockholmer Elfenbein-Turm nicht mal ordentlich durchgerüttelt werden sollte. Bei aller Wertschätzung für den sprachmächtigen, zivilisationskritischen Franzosen, dessen Romane man in deutschen Buchhandlungen bislang nur mit einem Belletristik-Scout findet, liegt die Vermutung nahe, dass die schon seit Jahren praktizierte Vergabe-Maxime "je unbekannter, unerwarteter und eskapistischer, desto besser " weniger eine faire und vorurteilsfreie Wertung befördert, sondern auch ein Stück weit elitärer Selbstzweck einer Jury ist, die die literarischen Vibrationen des Planeten mit großer Lust in den entlegensten Winkeln aufspürt. Die schwedische Akademie-Klause - "ein Ort fernab der Welt", um es mal mit einem Buchtitel des nun Geehrten zu sagen. Der massenhaft lesende Erdball aber wird wohl auch im kommenden Jahr wieder vergebens auf Philip Roth, Don DeLillo, Thomas Pynchon oder gar Bob Dylan warten.
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