Allgemeine Zeitung Mainz: Erfinder des Bombers aus Blei
Mainz (ots) - Jens Frederiksen zu Anselm Kiefer
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist nicht das bundesdeutsche Pendant zum Friedensnobelpreis. Sonst hätten weder der nicaraguanische Klassenkämpfer Ernesto Cardenal noch die eifernde Orientalistin Annemarie Schimmel ihn je nach Hause getragen. Er ist aber auch kein rein literarischer Preis, wie es die Auslobung durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels nahelegen könnte. Insofern besteht kein Anlass zum Erstaunen, wenn jetzt erstmals ein bildender Künstler, der Bildhauer und Maler Anselm Kiefer, die Auszeichnung zugesprochen bekommt. Kiefer ist einer der gefragtesten deutschen Gegenwartskünstler überhaupt. Doch genügt das, um ins Profil des Friedenspreises zu passen? Ja worin besteht überhaupt das Profil dieser Auszeichnung? Ist in Zukunft jeder Künstler von Weltgeltung, gleich welcher Sparte und welcher Couleur, ein potenzieller Kandidat? Fragen über Fragen. Nichts gegen Kiefer - wahrlich nicht. Aber wer sich seine metergroßen Bomber aus Blei aus dem Kunstmuseum Hamburger Bahnhof in Berlin in Erinnerung ruft, wer in der Mannheimer Kunsthalle seine Beton-Welle mit dem ebenfalls bleiernen Modell-Kriegsschiff obendrauf umkreist hat oder seine grob auf die Leinwand gedrückten Erinnerungen an teutonisches Schlachtengetümmel quer durch die Jahrhunderte kennt, wird nicht auf die Idee kommen, Kiefer mit einem Symbol wie der Friedenstaube in Verbindung zu bringen. Vielleicht ist Anselm Kiefer derjenige unter den deutschen Malern der Gegenwart, der am schonungslosesten die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte sucht. Aber zum Frankfurter Friedenspreis . . . da will er irgendwie nicht passen.
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