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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Längster Streik der Bahngeschichte angekündigt Streikrecht wird missbraucht MARTIN KRAUSE

Bielefeld (ots) - Es nervt längst. Seit zehn Monaten verhandelt die kleine Lokführergewerkschaft GDL mit der Deutschen Bahn, vor acht Monaten begannen GDL-Chef Claus Weselsky und seine Getreuen, den Arbeitskampf auf dem Rücken ihrer Kundschaft auszutragen. Aus dreistündigen Warnstreiks wurden sechstägige Arbeitsniederlegungen. Aus Sicht der Passagiere sind Bahnreisen inzwischen ein unkalkulierbares zeitliches Risiko geworden. Schon im Normalbetrieb sind halbwegs pünktliche Verbindungen eher die Seltenheit - mal sorgen technische Probleme für Verzögerungen, dann Personalmangel, mal ist es das Wetter, dann sind es externe Unwägbarkeiten. Selbst überzeugte Fahrgäste, die gern in die Bahn einsteigen, weil sie potenziell ein schnelles, komfortables und umweltfreundliches Verkehrsmittel ist, werden zunehmend verdrossen. Weselskys Lokführer sägen am eigenen Ast. Nun ist es nichts Neues, dass Streiks gerade den Kunden wehtun, im Gegenteil, dies ist ein legitimes und zugleich das schärfste Mittel, um den Arbeitgeber zu beeindrucken. Selbst wenn der Bahnverkehr durch den Streik der organisierten Lokführer in Wahrheit nur zum kleinen Teil lahmgelegt wird, trifft er doch fast alle Passagiere. Denn fast alle müssen sich informieren, ob ihre Verbindung steht. Und bei allen, die umsteigen müssen, die auf Anschlusszüge angewiesen sind oder auf eine Rückfahrt, fährt die Ungewissheit mit. Was die Öffentlichkeit empört, sind nicht nur die Härte und Dauer des Arbeitskampfes, sondern auch das Auftreten des GDL-Chefs Claus Weselsky. Gegenüber dieser Zeitung hat er gerade erst die eigene Zunft beschimpft, "Gewerkschaftsbosse machen es sich im System bequem", sagte er. Sie äußerten sich gern zu politischen Dingen, vergäßen aber die Arbeitnehmerinteressen. Tatsächlich aber hat auch Weselsky vor allem Politisches im Sinn: Er ringt mit der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) um Einfluss, er sträubt sich zugleich gegen das im Sommer in Kraft tretende Tarifeinheitsgesetz. Es geht im Kern nicht um die Bezahlung der Lokführer, sondern um Macht. Weselsky und die GDL machen die Bahnkunden zu ihren Geiseln, und sie missbrauchen das Streikrecht.

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