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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Streit um Militärhilfe für Kurden im Irak Pazifismus muss erlaubt sein Johann Vollmer

Bielefeld (ots) - Als Wehrdienstverweigerer noch einer persönlichen Gewissensprüfung unterzogen wurden, mussten sie lange die berühmt-berüchtigte Frage beantworten: Würden Sie ihrer Überzeugung standhalten, wenn Sie mit ansehen müssten, wie die eigene Mutter vergewaltigt oder getötet wird, und Sie selbst eine Waffe zur Hand hätten? Pazifismus, so die perfide Logik dahinter, lässt sich mit einer gezielten Fangfrage aushebeln. Heute befinden sich die Pazifisten in Deutschland wieder in einer kollektiven und öffentlichen Gewissensprüfung. Die Berichte über die Gräueltaten der Islamisten im Nordirak, die Bilder der verfolgten Christen und Jesiden, das Töten und Metzeln, das einen Völkermord erahnen lässt - all das hat die Rufe nach einer militärischen Hilfe Deutschlands binnen einer Woche zu einem lauten Orkan werden lassen. Die Fangfrage an alle, die zögern, lautet heute: Willst du das Morden weiter zulassen und befördern, indem du die Hände zum Beten in den Schoß legst? Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, hat es doch tatsächlich gewagt, als Theologin Gewaltfreiheit und bedingungslosen Pazifismus zu predigen. Ist die noch zu retten? Ein Sturm der Entrüstung, der Pamphlete und widerlichen Beleidigungen ist über sie hereingebrochen. Die Geostrategen der Republik und die anonymen Internethelden rotzen sich hochmoralisierend aus. Das - und nicht Käßmanns Äußerung - ist der Skandal. Wo sind wir hingekommen, dass eine pazifistische Stimme in der Debatte nicht mehr gehört, ja sogar verdammt wird? Wo sind wir hingekommen, wenn wir das Wort "alternativlos" zum Primat der Politik und des Denkens machen? Wer in Extremsituationen wie der im Nordirak Pazifisten das Recht auf ihre Grundhaltung abspricht, handelt fahrlässig und historisch verblendet. Ausnahmslos allen gegenwärtigen Konflikten auf der Welt gingen Gewalt, Unterdrückung oder erzwungene Ungleichheit voraus. Und auch die Glaubenskriege werden nicht allein durch das radikal geführte Wort entfacht. Der fanatische Wahnsinn der IS-Führer mag einem grundlosen Bösen entsprungen sein, doch auch dieser Wahnsinn kann ein Inferno von Hass und Gewalt nur dann entzünden, wenn er auf fruchtbaren Boden von Enttäuschten und Gedemütigten fällt. Die Fanatiker und Diktatoren in den Machtzentralen der Welt sind nicht vom Himmel gefallen. Wer die Fangfrage stellt "Wer hätte Hitler gestoppt, wenn nicht die Alliierten Krieg geführt hätten?", muss sich die Frage gefallen lassen, warum ein Diktator wie Hitler überhaupt möglich war. Wer am Ende einer Gewaltspirale behauptet, dass jetzt mit - natürlich gerechter - Gewalt alles besser wird, ist mindestens so kurzsichtig wie ein Zugpferd, das vergeblich nach der Möhre schnappt, die vor ihm baumelt. Natürlich ist der Weltfrieden eine weltfremde Utopie. Aber nur die Existenz dieser Utopie hat zur Verwirklichung überstaatlicher Ideen wie der UNO, dem Roten Kreuz, der Anti-Atom-Bewegung oder den Ärzten ohne Grenzen geführt. Wer bedingungslosen Pazifismus vertritt, macht sich keinen schlanken Fuß. Auch wenn er weiß, dass es, erzwungen durch die Realitäten, ohnehin zum militärischen Eingreifen kommen wird und wohl auch muss. Bedingungslos pazifistische Stimmen sind Minderheiten-stimmen. Sie mahnen in der Realpolitik, an Ursachen und Folgen zu denken. Sie mit pseudomoralischen Fangfragen oder gar Schuldzuweisungen zum Schweigen zu bringen ist nicht nur ein Zeichen argumentatorischer Schwäche. Es ist ein gewaltiger Fehler.

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