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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Vor 100 Jahren trat Deutschland in den Ersten Weltkrieg ein Mahnungen eines Jahrhunderts THOMAS SEIM

Bielefeld (ots) - Ukraine, Israel, Libyen, Irak, Syrien, Nigeria - der Krieg macht sich wieder sehr breit zum Anfang dieses Jahrhunderts. China rüstet sich auf Augenhöhe mit den USA im pazifischen Raum. Saudi-Arabien ringt mit dem Iran um die Vorherrschaft in der islamischen Welt. Knapp 60 Jahre lang gaben die USA auf den verschiedenen Konfliktfeldern der Erde den Ton an. Auch da gab es kriegerische Auseinandersetzungen, aber spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren galt die unangefochtene Vorherrschaft der Vereinigten Staaten, die eine Art Pax Americana - einen amerikanischen Frieden - weitgehend garantieren konnten. Doch 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs lösen sich alle diese gewohnten Ordnungsprinzipien plötzlich auf. Europa hat sich ganz gemütlich eingerichtet in der bisherigen Welt. Seit der Einheit wächst insbesondere in Deutschland unser Wohlstand in Frieden. Sicher aber ist davon nichts. Weder der Wohlstand noch der Frieden. Das ist die erste Lehre der eskalierenden Ukraine-Krise. In der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen in der Ukraine geht es nicht nur um Krieg und Frieden. Es geht auch darum, ob das Ordnungsprinzip der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der der Westen wie Russland angehören, künftig noch gilt. Dieses Ordnungsprinzip verbietet die Annexion von Staaten oder Teil-Staaten - eine entscheidende Grundlage für Sicherheit und Waffenruhe im alten Kontinent. Bis zur Krim-Krise hat sich Russland daran gehalten - mit Ausnahme von Afghanistan. Seit der Ukraine-Krise aber steht diese Garantie endgültig und grundsätzlich in Frage. Das kann der Westen, kann Europa nicht hinnehmen. In der Ukraine, die nicht dem westlichen Verteidigungsbündnis NATO angehört, geht es dabei nicht etwa um den Bündnisfall. Gottlob! In den europäischen Hauptstädten wird allerdings mit großer Sorge die Umkehr des russischen Präsidenten registriert, seine Abkehr vom demokratischen Wettbewerb mit dem Westen, seine offensichtliche Zuwendung zu einem neuen russischen, auf die russisch-orthodoxe Kirche gestützten Nationalismus, der im Bündnis mit China seine euro-asiatische Wirtschaftszukunft sieht. Die alte Weltordnung zerfällt also, und es gibt keine Garantiemacht mehr, wie es die USA über Jahrzehnte waren. Die letzte verbliebene (Noch-) Weltmacht hat genug damit zu tun, sich selbst zu modernisieren und ihre Grenzen am Pazifik zu schützen. Anders als vor 100 Jahren gibt es keine Automatismen in Richtung Krieg. Beistandspakte militärischer Art, wie sie vor 100 Jahren Österreich beim Deutschen Reich geltend machte und durchsetzte, sind nicht geschlossen. Die NATO ist ausschließlich ausgerichtet auf Verteidigung. Das ist gut so. Beruhigen kann das nicht. Was nämlich, wenn plötzlich die baltischen Staaten für Russland interessant werden? Dort gilt Artikel 5 des NATO-Vertrages, und der Bündnisfall müsste dann zum Krieg führen mitten in Europa. Niemand will das. Aber wie Ende der 1970er Jahre mahnen NATO-Partner, diesmal die im ehemaligen sowjetischen Einflussbereich, immer heftiger Solidarität, Waffen, Raketen-, auch Truppen-Stationierung an. Dieser Automatismus der NATO-Solidarität muss beunruhigen. Die alte Weltordnung zerfällt. Es wird lange dauern, bis die Suche nach einer neuen wieder in das Gleichgewicht eines neuen Friedens führt. Eine Sisyphos-Arbeit, die Geduld und langen Atem erfordert. Es könnte die Stunde der Europäer sein. Sie müssten sich allerdings darauf besinnen, dass nur Einigkeit und Eindeutigkeit ihnen eine relevante Stimme gibt, auf die der Nahe Osten, Libyen, Irak, Syrien, Nigeria achten - und die Putin versteht.

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