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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Europawahl Runter vom Sofa CARSTEN HEIL

Bielefeld (ots) - Die Europäer sollten sich nicht bequem zurücklehnen und die Wahl nicht schwänzen. Auch wenn das oft die Haltung des Wohlstands, der Ruhe und der Sicherheit ist. Mit Bequemlichkeit beginnt der Niedergang. Der alte Kontinent, wie Europa ab und an abfällig von Amerikanern genannt wird, hat es noch selbst in der Hand, wohin er sich entwickelt. Gehen die Europäer dem Niedergang entgegen, nach Jahrhunderten der wirtschaftlichen, militärischen, politischen, intellektuellen, kul-turellen Dominanz? Es gibt viele Beobachter, die das so sehen. Und es gibt sachliche Hinweise darauf, dass diese Gefahr groß ist. Oder raffen sich Europas Bürger auf, packen an, übernehmen sie Verantwortung und wachsen? Halten sie mit mit der asiatisch-pazifischen und der eurasischen Hemisphäre? US-Präsident Obama wendet sich zunehmend dem pazifischen Raum zu. Russlands Präsident Putin fuchtelt unverhohlen mit der russisch-chinesischen Mög-lichkeit. Beides kann für Europa nur der Aufruf zu mehr Anstrengung sein. Der erste Schritt, den Niedergang Europas zu verhindern, ist am Sonntag eine hohe Beteiligung an den Wahlen zum EU-Parlament. Demokratie bezieht ihre Stärke aus der Teilhabe und dem Mitmachen mög-lichst vieler Menschen. Wer bei der Wahl auf dem Sofa sitzen bleibt und über die Unzulänglichkeiten der Europäischen Union, die es zweifellos gibt, nur mäkelt, überlässt die gute Idee Europa den Scharfmachern, den Putins, den Nationalisten, die nie an den anderen denken, sondern nur an sich. So verwegen es klingen mag, aber eine hohe Wahlbeteiligung und ein klares Bekenntnis zu Europa möglichst vieler Wahlberechtigter könnte auch Russlands Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine-Krise beeindrucken. Europas Stärke gründet sich auf die Menschen, auf Zusammenhalt, auf Engagement. So wie die Eurokrise zwar noch nicht gänzlich überstanden ist, aber doch allein durch Miteinander derzeit kon-trolliert werden kann, so ist auch die Ukraine-Frage nur durch Zusammenstehen zu beantworten. Aller Kritik zum Trotz werden die Finanzprobleme Europas derzeit durch Anstrengungen auf allen Seiten angegangen. Etwas vereinfacht gesagt, müssen die Südländer Reformen ertragen und die Menschen im Norden bezahlen. Wenn das Europa zusammenhält, ist allen geholfen. Deshalb ist der zweite Schritt bei der Wahl die Überlegung, seine Stimme nicht den Anti-Europäern zu geben. Noch mal, Kritik an der EU ist berechtigt und wichtig. Aber Stimmen für die Europa-Hetzer sind Stimmen gegen Frieden, Wohlstand und Zusammenhalt. So unterschiedlich die Menschen und Länder in Europa auch sind: Die Herausforderungen der Zukunft werden sie nur gemeinsam meistern können. Die Absage der Niederländer an die Rechtspopulisten um Geert Wilders macht Hoffnung, in Großbritannien dagegen scheint die Sache anders zu liegen. Da sind die Eurokritiker vorn. Und in Italien sagen Wahlforscher den Europa-Skeptikern insgesamt gut 50 Prozent voraus. Das sind keine guten Voraussetzungen für ein starkes Europa-Signal. Überall bei unseren Nachbarn machen sich lautstark die Kritiker breit. Und auch in Deutschland wird den Euroskeptikern ein gutes Abschneiden am Sonntag vorhergesagt. Deshalb ist Besorgnis für die Zukunft angebracht. Dabei ist Europa nicht nur ein nach außen gewandtes Projekt. Klima-, Verbraucher- und Arbeitnehmerschutz haben dank der EU inzwischen hohe Standards erreicht. Es ist zwar schick, aber nicht in jedem Falle richtig, auf die EU zu schimpfen. Es lohnt sich, auf Bequemlichkeit zu verzichten.

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