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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Die Bahn und der Klimawandel Viel zu heiß MATTHIAS BUNGEROTH

Bielefeld (ots) - Diesen Aufenthalt in OWL werden Dutzende Reisende nicht gerne in Erinnerung behalten. Völlig erschöpft von einer Fahrt in einem auf mehr als 50 Grad Celsius aufgeheizten ICE kollabierten sie und mussten - teils auf dem Bahnsteig des Bielefelder Hauptbahnhofs, teils in Kliniken - medizinisch behandelt werden. Grund: Die Klimaanlage des Zuges arbeitet nur bis zu einer Außentemperatur von 32 Grad Celsius zuverlässig. Rund 50 ICE-Züge der Serie 2 hatten in der Folge ähnliche Probleme. Ein strukturelles Defizit in einem Konzern mit international gut 250.000 Mitarbeitern, der sich selbst das Leitbild gegeben hat: "Wir werden das weltweit führende Mobilitäts- und Logistikunternehmen." Von diesem Ziel ist die Deutsche Bahn AG offensichtlich noch Welten entfernt. Denn auch ohne die Effekte des Klimawandels wären Klimaanlagen, die auf maximal 32 Grad Außentemperatur ausgelegt sind, schon unterdimensioniert, wie der Kieler Klimaforscher Mojib Latif feststellt. Glaubt man Experten, werden sich die Hitzewellen in den nächsten Jahrzehnten häufen. Immerhin: Die Bahn kündigt an, den von den jüngsten Ereignissen betroffenen Fahrgästen Entschädigungen in Form von Reisegutscheinen zukommen zu lassen. Sie vergisst dabei aber auch nicht zu erwähnen, dass es sich dabei um "freiwillige Zusatzleistungen" handelt, die "über die generellen Fahrgastrechte" hinausgingen. "Unser Wirtschaftssystem ist ausgerichtet auf gnadenlose Gewinnmaximierung", sagt Latif. Die Bahn habe alles auf dem Altar des Börsengangs geopfert. 500 Millionen Euro Dividende zieht der Staat pro Jahr aus der Deutschen Bahn AG. Geld, das ein Dienstleistungsriese, der einen Investitionsstau aufzuholen hat, anders ausgeben sollte. Viel zu heiß ist offenbar auch der Politik das Thema "Folgen des Klimawandels". Experten wie Latif fordern eine neue industrielle Revolution. Sie haben recht. In der schwarz-gelben Bundesregierung ist nach wie vor keine klare Strategie erkennbar, wie die Gesellschaft ohne die endlichen fossilen Brennstoffe wie Kohle oder Kernenergie auskommen kann. Längst wäre es angesagt, viel mehr auf den Ausbau regenerativer Energien zu setzen, ein Netz von Solartankstellen aufzubauen und dafür zu sorgen, dass Sonnenenergie auch über große Entfernungen möglichst verlustfrei übertragen werden kann. "Der Klimawandel kommt bestimmt", sagt auch der Wissenschaftler Ulrich Franck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. So gibt es viel zu tun für die Stadtplaner: Sie müssten die Versiegelung der Fläche wieder zurückfahren, dafür sorgen, dass über Magistralen, die als Kaltluftschneisen dienen können, wieder Luft zum Atmen in die Ballungsräume kommt. Wo Brachflächen wieder genutzt werden sollen, heißt es, öfter auch Grüngürtel anzulegen. So stehen die Probleme bei der Bahn stellvertretend für Fehlentwicklungen, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Kraft und kühlem Kopf angehen sollten.

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