Leipziger Volkszeitung

LVZ: Platzeck empört über "falsches Schlachtengemälde" der CDU für Feiern zum 9. November: Die Ostdeutschen, nicht die CDU und die Amerikaner haben die deutsche Einheit hergestellt

    Leipzig (ots) - Ein wirkliches "Volksfest ohne Ehrentribüne" statt eines parteipolitisch missbräuchlich wirkenden Aufmarschs vor dem Brandenburger Tor von Angela Merkel (CDU), Helmut Kohl (CDU) und US-Präsident Barack Obama anlässlich des 20. Jahrestages der Wende-Feiern hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) verlangt. In einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" (Montag-Ausgabe) machte Platzeck zugleich auf ein "falsches Schlachtengemälde" aufmerksam, das in Vorbereitung sei, "so als hätten CDU und Amerikaner die deutsche Einheit hergestellt". Die Ostdeutschen ermunterte Platzeck, hier und ganz allgemein "mehr Selbstbewusstsein" zu zeigen.

    Mit Blick auf die vom offiziellen Berlin vorgeplanten November-Feierlichkeiten sagte Platzeck in dem Interview: "Lasst das nur nicht mit uns machen. Am 9. November darf es nicht um Parteipolitik gehen." Er ahne zwar: "Die CDU will bestimmt ein Bild präsentieren: Die Wende als Spannungsbogen einer Zeit zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel, dazwischen steht der gute Amerikaner Barack Obama und die haben dann die Mauer vom Westen her eingedrückt. Vor einem solchen Planspiel graust es mir", meinte Platzeck. "Die Mauer ist vom Osten eingedrückt worden. Und darauf war weder Helmut Kohl vorbereitet noch hat er gar mitgemacht. Das schmälert nicht Kohls Verdienste um die deutsche Einheit."

    Für den Mitgestalter der Wende gebe es am 9. November "nur eine angemessene Form: Ein riesiges Volks-Fest". Denn, so Platzeck: "In unserer friedlichen Revolution stand keine politische Partei allein an der Spitze. Da standen mutige Leute ganz vorn und es war eine richtige Volksbewegung. Also muss die Jahrestagsfeier auch ein richtiges Volksfest sein, eins ohne Ehrentribüne."

    Er habe im Vorfeld der anstehenden Feiern zum 20. Jahrestag der Wende eine Vorstellung davon gehabt, worum es hätte gehen sollen: "Um die Revolution, um die Leute, die sie gemacht haben und um unser Streben zur Selbstbestimmtheit. Herausgekommen ist eine merkwürdige Debatte um die DDR als Unrechtsstaat, um die Frage, warst du dafür oder dagegen, warst du in der Partei oder nicht." Deshalb möchte er gern, "dass wir unser Selbstbewusstsein aus den vergangenen 20 Jahren schöpfen".

    Platzeck stellte fest, dass den Ossis, im Gegensatz zu den Wessis, "bestimmte Fähigkeiten in Sachen Selbstdarstellung" fehlten. Er habe seine entsprechenden einschlägigen Erfahrungen gleich nach der Wende gemacht. "Als ich in Brandenburg nach der Wende ein Ministerium neu aufgebaut habe, kamen wäschekorbweise Bewerbungen. Der Bewerber aus dem Osten hat geschrieben: Das kann ich, folgendes kann ich nicht und ich würde deshalb gerne in einem bestimmten Bereich eingesetzt werden. West-Bewerbungen lasen sich ganz anders sinngemäß: Zwar ist der Ministerposten schon besetzt, aber der Rest ist kein Problem."

    Dass trotzdem viele Westdeutsche den Ostdeutschen hätten sagen können, wo es lang ginge, führt Platzeck auch auf eine gewisse blauäugige Revolutionsromantik seitens der Bürgerbewegung nach geglückter Wende zurück. "Wir wollten in diesem Land für dieses Land mit unseren Leuten erstmal eine Gesellschaft aufbauen, die fröhlich, bunt und zukunftsfähig ist. Wir haben zu wenig berücksichtigt, dass dazu die ökonomische Basis fehlte. Wir dachten aber, ein wenig Revolutionsromantik hätten wir uns verdient", so Platzeck. "Die Bürgerbewegung hat auch deshalb den Kontakt zur Masse der Bevölkerung verloren. Wir haben nicht schnell genug verstanden, was das bedeutet, dass aus dem Ruf ,Wir sind das Volk' die Forderung wurde: ,Wir sind ein Volk' - inklusive DMark."

    Heute müssten alle Deutschen "sehr behutsam mit dem einzigartigen Schatz der Erlebnisse aus den vergangenen 20 Jahren umgehen", meinte der Sozialdemokrat. "Nur ein Beispiel: Als Minister hatte man Anfang der 90er Jahre manchmal Tagespläne, die beinhalteten fast nur Betriebsstilllegungen und man musste überall versuchen, die Leute zu beruhigen. Wir haben das trotzdem gemeinsam hinbekommen, die Verhältnisse blieben politisch beherrschbar. Was für eine zivilisatorische Leistung von uns allen im Osten, wo fast keiner auf seinem alten Arbeitsplatz blieb." Wichtig sei, "dass wir das nicht erst entdecken, wenn Historiker sich dem Kapitel der Nachwendezeit zuwenden".

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