Leipziger Volkszeitung

LVZ: Leipziger Volkszeitung zum Baader Meinhof Komplex

Leipzig (ots) - Von Peter KorfmacherEin Fall für Historiker: Baader-Meinhof-KomplexZwei Jahrzehnte lang tötete die RAF, 30 Menschen fielen ihr zum Opfer, Exponenten von Staat und Wirtschaft und Unbeteiligte, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Diese Morde haben (West-)Deutschland traumatisiert, die Schüsse hallen immer noch nach, und die Erinnerungs-Folklore der publizistischen Feierlichkeiten zum 40.Geburtstag von 1968 hat die Echos wieder verstärkt. Da kommt "Der Baader Meinhof Komplex" gerade recht. Ein Zufall ist diese Punktlandung gewiss nicht. Sie ist Kalkül. Und dieses Kalkül hat nicht die Aufarbeitung von Geschichte imSinn. Es zielt auf den Erfolg des Produktes, auf die Vermarktung eines Spielfilms. Und dieses Kalkül, es ist bereits aufgegangen. 150 Minuten dauert das rasant erzählte Terrordrama. 150 Minuten, in denen Uli Edel und Bernd Eichinger die Geschichte der RAF vom 2. Juni 1967 bis zum Heißen Herbst 1977 erzählen. 150 Minuten für zehn Jahre, die bis heute niemand wirklich verstanden hat ... Den Machern des Films wird im Ernst der Vorwurf gemacht, sie würden nicht maßgeblich beitragen zur Klärung der Frage, was Idealisten zu Radikalen macht, zu Fundmentalisten, schließlich zu Mördern. Sie würden nicht helfen beim Verständnis der Umstände, die dazu führten, dass das Gemeinwesen so lange so hilflos war, dass niemand begriff, warum 1967 die Studenten aufstanden und ab 1972 Menschen starben. Sie würdigten die Opfer nicht hinreichend. Letzteres ist eine Frage der Dramaturgie und der Erzählperspektive, eine solche Entscheidung muss ein Regisseur fällen, will er eine Form finden. Den Rest kann ein Film nicht leisten. Und es ist gut, dass Eichinger und Edel es gar nicht erst versuchen. Viele wiegen noch immer Schuld und Schuld, Tod und Tod gegeneinander auf: Benno Ohnesorg war ein unschuldiges Opfer, natürlich. Doch die 30 leblosen Körper auf der langen Blutspur der RAF, sie waren es auch. Zum Relativieren gibt es da keinenSpielraum. Wer dies mitnimmt aus einem Film, der mit fortwährendem Töten und Sterben an den Nerven zerrt, hat etwas verstanden - emotional. Für alles Weitere sind nicht Filmemacher zuständig, sondern die Historiker. Nicht die, die im Fernsehen Geschichte aufbereiten, als sei sie ein Spielfilm. Sondern die richtigen. Und die haben noch lange zu tun mit dem Baader-Meinhof-Komplex. Denn dieses Vierteljahrhundert ist so kompliziert wie traumatisierend. Bis heute. @p.korfmacher@lvz.de Pressekontakt: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558 Original-Content von: Leipziger Volkszeitung, übermittelt durch news aktuell

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