Leipziger Volkszeitung

LVZ: Die Leipziger Volkszeitung zu Weniger Eheschließungen/Mehr Lebensgemeinschaften -

Leipzig (ots) - Von Olaf Majer."Kein Liebespaar wird uns mehr geschasst, zu lebenslangem Eheknast" - mit schonungsloser Verachtung sang Wolf Biermann vor gut 40 Jahren gegen den deutschen Untertanengeist an. Was die Ehe betrifft, so bekennt der DDR-ausgebürgerte Barde inzwischen, er sei da nicht mehr seiner Meinung. Klischees und Vorbehalte gegen die standesamtlich beurkundete Zweisamkeit sind dennoch nicht tot zu kriegen. Alles was bindet engt ein - dieses unheilvolle, weil absolutistische Urteil der '68er hat sich generationsübergreifend im Nein zum Ja-Wort manifestiert. Dabei ist ein Ehepaar, das sich liebevoll auf gleicher Augenhöhe respektiert, eine ideale Solidargemeinschaft, die Anerkennung verdient. Wer sich tatsächlich in guten wie in schlechten Zeiten ergänzt, auffängt, ungefragt Hilfe gibt und bisweilen für Bodenhaftung sorgt, der ruft nicht gleich nach Vater Staat. Der kann auch Glück erleben ohne ständig die öffentliche Hand zu bemühen. Eigentlich ein Anreiz für die Tagespolitik, dieses funktionierende Sozialsystem uneingeschränkt zu unterstützen. Stattdessen gibt es lauen Zuspruch allenfalls in inhaltsleeren Sonntagsreden. Praktisch wird die Ehe entwertet. Der nächste Vorstoß zur Abschaffung des steuerlichen Ehegattensplittings ist nur eine Frage der Zeit. Erfüllende Gemeinsamkeit kann freilich auch in einer Beziehung ohne Trauschein gelingen. Kinder müssen nicht weniger glücklich sein, wenn sie in Wohngemeinschaften oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Manche empfinden dies sogar als Bereicherung und gute Vorbereitung auf eine Welt, in der scheinbar alles möglich ist und Traditionen wegfallen. Was die Ehe allerdings einzigartig macht, ist das Versprechen für eine dauerhafte, krisenfeste Beziehung. Dass es in jeder dritten Ehe nicht hält, scheint die Biermann-These vom Eheknast zu bestätigen. Und doch stehen in Umfragen bei Jugendlichen die Zukunftsziele Ehe und Familie ganz weit oben. Ein Widerspruch? Nein. In einer Gesellschaft, in der Mobilität alles und die Sehnsucht nach einem Stück heile Welt verpönt ist, werden Fliehkräfte gestärkt und Bindungen gelöst. Umso mehr wächst die Sehnsucht nach einem Halt in turbulenten, oft unübersichtlichen Zeiten. Auch fehlende Vorbilder tragen dazu bei. Welcher aktuelle Politiker steht mit seiner Vita noch für verlässliche Orientierung? Der bald 90-jährige Altkanzler Helmut Schmidt - mit Ehefrau Loki seit 66 Jahren eng verbunden - hielt SPD-Gottvater Willy Brandt einst vor, ein Bundeskanzler könne nicht dreimal heiraten. Würde man diese strengen Auswahlkriterien Schmidts heute anlegen, dann wäre es für jede Partei schwer, überhaupt noch einen geeigneten Kanzler-Kandidaten zu finden. Pressekontakt: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558 Original-Content von: Leipziger Volkszeitung, übermittelt durch news aktuell

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