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LVZ: zur neuen Sat1-Dokusoap "Gnadenlos gerecht - Sozialfahnder ermitteln" Doku-Reihe setzt auf Schnüfflermentalität

    Leipzig (ots) - Von Nina May Es scheint, als ginge es um eine ernsthafte politische Auseinandersetzung: Sat1 startet heute die Doku-Reihe "Gnadenlos gerecht", in der Sozialfahnder Hartz-IV-Betrüger überführen. Arbeitslosenverbände protestieren. Doch natürlich geht es dem Sender nicht darum, wie behauptet, gesellschaftliche Realität abzubilden. Das zeigt sich schon in der reißerischen Aufmachung des Formats als tatortähnlicher Ermittler-Pas-de-deux mit zugeteilten Rollen (temperamentvoll die Frau, souverän der Mann). Es geht Sat1 aber auch nicht in erster Linie darum, Hartz-IV-Empfänger zu stigmatisieren oder eine neue Missbrauchsdebatte anzufachen, wie Kritiker befürchten. Was zählt, ist allein die Provokation. Der inszenierte Skandal, der für einen kurzen Moment einen Vorsprung im medialen Rennen um Aufmerksamkeit verheißt. Wenn es niemanden mehr stört, wenn Stars von vorvorgestern im Dschungel Maden verspeisen oder die Austauschmutter ihrem Leihkind den Hintern versohlt, muss ein neuer Aufreger her. So die einfache Logik der Dokusoap. Insofern tragen die Arbeitslosenverbände mit ihrem Veto noch dazu bei, dass das Marketingkonzept von Sat1 aufgeht. Es gibt jedoch einen Unterschied zu Formaten wie "Dschungelcamp" oder der aktuellen MTV-Show "Celebrity Rehab", die Promis beimDrogenentzug begleitet: Dort drängen abgehalfterte VIPs für ein bisschen Ruhm auf die Bühne. Im Gegenzug machen sie sich vor laufender Kamera lächerlich und befriedigen so den Voyeurismus des Zuschauers. Es gibt also eine Art von wechselseitigem Nutzen. Doch bei "Gnadenlos gerecht" werden Menschen ins Rampenlicht gezerrt, die in der Selbstinszenierung ungeübt sind. Die Zuschauer können sich entweder am hilflosen Elend der (tatsächlich) Bedürftigen oder an der Bestrafung der Betrüger ergötzen. Dabei setzt der Sender auf die Schnüfflermentalität, auf das heimliche Vergnügen nach dem Motto "Den ham'se erwischt" und die Befriedigung, das eigene Vorurteil gegenüber Arbeitslosen bestätigt zu sehen. Das ist schlicht armselig. Die Angst von Interessenverbänden jedoch, dass die Sendung eine "Hetzjagd" auf Hartz-IV-Empfänger auslösen könnte, ist höchstwahrscheinlich unbegründet. Politiker werden sich hüten, sich von einem Privatsender zu einer neuen Missbrauchsdebatte anstacheln zu lassen - zumal die letzte eher peinlich für den damaligen Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) ausging, der schärfere Kontrollen forderte und bei der Missbrauchsquote danebenlag, die er bei 20 statt der tatsächlichen zwei Prozent ansetzte. Das private Gestänker vor dem Fernseher dürfte hingegen groß sein. Das wäre doch mal ein Thema für eine Doku.

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