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LVZ: Die Leipziger Volkszeitung zu Karadzic -

    Leipzig (ots) - Von Kostas Kipuros. Was für ein Zufall! Zwölf Jahre suchen Ermittler und Fahnder fieberhaft nach Radovan Karadzic. Vergeblich! Der bosnische Serbenführer und mutmaßliche Kriegsverbrecher bleibt unauffindbar. Wie anders als durch Zufall lässt sich die Verhaftung Karadzics durch die gerade einmal seit zwei Wochen im Amt befindliche Regierung Belgrads erklären? Der Eindruck täuscht: Dass sich einer der am meisten gesuchten Kriegsverbrecher so lange seiner Verhaftung entziehen konnte, lässt sich ebenso wenig durch Zufall erklären wie seine jetzige Verhaftung. Seit seinem Abtauchen 1995 konnte sich Karadzic stets auf getreue Kumpane verlassen. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie, wenn Karadzics Festsetzung ausgerechnet unter einem Regierungsbündnis erfolgt, an dem Milosevics Sozialistische Partei beteiligt ist - jene Partei also, die ähnliche Verbrechen zu verantworten hat, wie sie Karadzic zur Last gelegt werden. Aber die Zeiten ändern sich und mit ihnen der Wert einstiger Rattenfänger. Karadzic ist für die Sozialisten entbehrlich geworden. Seine Verhaftung und mögliche Auslieferung an das Kriegsverbrechertribunal von Den Haag macht den Weg für ein lukratives Geschäft frei, denn die Belgrader Koalition des Vergessens darf nun auf den Segen einer baldigen EU-Mitgliedschaft hoffen. Hauptsache, Belgrad liefert nach Karadzic noch Mladic aus und schluckt die Kröte der kosovarischen Unabhängigkeit. Dafür rehabilitiert Brüssel Milosevics Erben als willkommene Proeuropäer - wenn nur Milosevics scheingewendete Sozialisten den prowestlichen Präsidenten Tadic stützen. Deren Teilhabe an der Regierungsmacht garantiert jedoch, dass es auch nach der Verhaftung Karadzics zu keiner Aufarbeitung der Verantwortung für Völkermord und Vertreibungen kommt. Wer will sich in Belgrad noch dieser Mühe und Pein unterziehen, wenn Brüssel letztlich mit dem Zugang Serbiens zu Entwicklungsfonds, zum EU-Markt und Investitionen in Milliardenhöhe alimentiert? Erstaunlich, wie kurzsichtig die Europäische Union agiert, denn keine noch so lukrative Wirtschaftshilfe ersetzt die Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit der eigenen Geschichte. Das gilt auch für die anderen Nachfolgerepubliken Jugoslawiens, in denen ehemalige Kriegsverbrecher im Rang von Nationalhelden stehen. Nationalismus funktioniert auf dem Balkan offensichtlich auch ohne Milosevic und Karadzic. Im Kosovo darf der Chauvinist Karadzic gar seine Politik der ethnischen Vertreibungen - diesmal von Serben und Roma durch Albaner - vollendet sehen - mit Hilfe der so genannten internationalen Gemeinschaft, die statt die Lehren aus dem Debakel der Sezessionen zu ziehen, einen "guten", weil antiserbischen Nationalismus mit Eigenstaatlichkeit belohnt hat. Die Verhaftung Karadzics erweist sich so auch als eine Gelegenheit, von der eigenen Verantwortung Europas für die Entwicklung in Jugoslawien abzulenken. Auch davon, dass der Serbenführer dem Westen lange als Verhandlungspartner galt und erst fallengelassen wurde, als sich Milosevic von ihm abwandte. Den überlebenden Opfern von Karadzic wird dies verständlicherweise egal sein. Für sie zählt vor allem, dass einer der schlimmsten Kriegstreiber des Balkans endlich in Haft kommt.

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