Leipziger Volkszeitung

LVZ: Leipziger Volkszeitung zur Fußball-Euphorie

Leipzig (ots) - Von Peter Korfmacher WirDie Zukunft Europas ist ungewiss: Die Iren haben sich als Spielverderber erwiesen und den schönen Reformvertrag kassiert. Und während die Politik seit einer Woche um Schadensbegrenzung ringt, will auf den Straßen von der Europäischen Union niemand mehr etwas hören. Dabei geht es in Brüssel um Themen, die uns alle angehen. Zum Beispiel um den Umgang mit den explodierenden Energiepreisen. Einen Anteil an deren Rekordniveau haben alle, die derzeit von nichts anderem reden als von Europa, aber nicht die EU im Sinn haben. Denn die Landes-Fähnchen an den Autos zwischen Nordkap und Mittelmeer, Ural und Atlantik, sie erhöhen Verbrauch, Nachfrage, Preis. Die Menschen wissen es. Aber wo Fußball draufsteht, ist Vernunft nicht drin, gegen die kollektive Euphorisierung kein Kraut gewachsen. Dabei ist, nüchtern betrachtet, die Sensation begrenzt: Deutschland steht im Halbfinale, gehört zu den besten vier von 16 aus Europa. Zu den besseren 25 Prozent also. Immerhin: besser als bei Pisa, besser als beim Wirtschaftswachstum - besser als erwartet. Da vielleicht liegt der Hase im Pfeffer. Die meisten hatten sich mit eher begrenzten Hoffnungen, Bier und Fähnchen vor den Bildschirm gestellt. Und nichts ist schöner als eine freudige Überraschung. Außer: drüber reden. Vorgestern hätten die deutschen Kämpfer gegen die portugiesischen Künstler gewonnen, ist eine oft zitierte These, die sich in ihrer kulturkritischen Weite angenehm absetzt vom üblichen Gefasel über mehr oder weniger enge Räume aus dem Munde schlecht frisierter Misanthropen. Aber der Netzer Günter weiß wenigstens, worüber er spricht. Die These, nach dem Spiel sei vor dem Spiel, gehört entsorgt. Denn nur wenig mehr als 22 können mitmachen, aber bei der Auswertung ist jeder gefragt. Die Kanzlerin beispielsweise. Schließlich kann sie sich so wunderbar freuen, mit geballten Fäusten, aus denen spitz die Daumen ragen, und mit Sätzen wie "Ich bin überglücklich über das tolle Spiel und die sensationelle Leistung". Sie bringt es wieder auf den Punkt: Die haben gespielt, und wir haben gewonnen. Im anderen Falle hätten nur die verloren. Und dass man es sich so schön zurechtbiegen kann, macht wohl einen Reiz des Fußballs aus. Das letzte Sommermärchen ist noch keine zwei Jahre her, die Erinnerung ans schwarz-rot-goldene Fähnchenmeer noch zu frisch, als dass man sich jetzt wieder wundern könnte über den erfreulich unbefangenen Umgang mit Nationalsymbolen. Und die Erinnerung an die Zeit danach, sie sagt uns schon jetzt: Egal, wie es ausgeht, die Begeisterung wird nicht lange vorhalten. Ist sie verflogen, ist der Alltag wieder da, drücken uns die Spritpreise, sehen wir nicht mehr die rührend um Ekstase bemühte Angie auf der Tribüne, sondern die Kanzlerin an der Spitze einer zerstrittenen und weitgehend bewegungsunfähigen großen Koalition. Das Gemeinschaftsgefühl der Fanmeilen zerbröckelt schneller, als die Großleinwände abgebaut werden. Und es wird sich wieder zeigen, dass Europa in den Köpfen keine Rolle spielt. Auch nicht bei der EM. Die Iren sind übrigens in deren Vorfeld ausgeschieden, ebenso wie die Engländer, die keinen Euro wollen. Die Kroaten, Türken, Russen dagegen, sie haben es schon weit gebracht. @p.korfmacher@lvz.de Pressekontakt: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558 Original-Content von: Leipziger Volkszeitung, übermittelt durch news aktuell

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