Leipziger Volkszeitung

LVZ: Leipziger Volkszeitung zum AKW-Störfall in Slowenien

Leipzig (ots) - Für einige Stunden hing das Gespenst von Tschernobyl am sommerlichen Himmel Mitteleuropas. Die lähmende Angst vor einem neuen atomaren Gau - wie vor 22 Jahren in der Ukraine - machte sich schon breit, bis es zum Glück Entwarnung gab. Alles nicht so dramatisch, die Behörden im jungen EU-Mitgliedsland Slowenien hatten den Störfall im Atomkraftwerk Krsko fehlerhaft eingeschätzt und zudem bei ihrer Information an die EU-Aufsichtsbehörde noch ein falsches Formular benutzt. Wenn der Anlass nicht so ernst wäre, könnte man das kommunikative Wirrwarr als Desaster eines überforderten Landes abhaken. Da wiehert der Brüsseler Amtsschimmel und Europa klatscht sich vor lauter Schadenfreude über die unfähigen Slowenen auf die Schenkel. Häme sollte man sich allerdings in jeder Hinsicht verkneifen. Zumal sich aus dem atomaren Zwischenfall durchaus einige Lehren ziehen lassen. Erstens hat diese unfreiwillige Ernstfall-Übung gezeigt, dass das EU-Alarmsystem offensichtlich gut funktioniert. Die Reaktion des deutschen Umweltministers Siegmar Gabriel fällt zwar etwas locker aus, trifft aber den Kern. Lieber einmal zu früh alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, die sich dann als überflüssig erweisen, als das ganze Prozedere andersherum. Die EU-Staaten wären also gewappnet gewesen. Das klingt zumindest etwas beruhigend. Dumm nur, dass der slowenische Nachbar Kroatien noch nicht zur EU gehört und die Einwohner der nahegelegenen Millionen-Stadt Zagreb stundenlang keine Ahnung hatten, welches Bedrohungsszenario sich da quasi vor ihrer Haustür zusammenbraute. Für sie wäre das internationale Alarmsystem zu spät gekommen. Atomare Wolken und Niederschläge machen nicht an den Ländergrenzen Halt, das hat Tschernobyl leidvoll gezeigt. Insofern ist die Debatte, die sich prompt in Deutschland um die Zukunft der einheimischen Atomkraftwerke anschließt, mehr als fadenscheinig. Sicher, die Risiken der Kernenergie sind nicht hundertprozentig bis ins letzte Detail beherrschbar. Der unter der rot-grünen Bundesregierung beschlossene Ausstieg aus der Atomtechnik ist dennoch nur ein politisches Feigenblatt für die Kernkraftgegner. Ein Land wie Deutschland, dessen technologisches Potenzial auf diesem Gebiet weltweit geschätzt wird, will Kraftwerke mit höchsten Sicherheitsstandards vom Netz nehmen. Andererseits betreiben EU-Länder wie Bulgarien, Rumänien und die Slowakei, die sich auf dem mühsamen Weg vom Agrar- zum Industriestaat befinden, marode Atommeiler, die mit ihrer Technik bedenklich an Tschernobyl erinnern. Auch in Tschechien steht mit Temelin ein Atomkraftwerk an der österreichischen Grenze, das mit regelmäßigen Störfällen alle Alarmglocken schrillen lässt. Unter diesen europäischen Vorzeichen ist die Wirkung eines deutschen Alleingangs mehr als fraglich. Zumal der dann hier zu Lande fehlende Strom importiert werden müsste - auch aus Ländern, die weiter auf die Atomtechnik setzen. Pressekontakt: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558 Original-Content von: Leipziger Volkszeitung, übermittelt durch news aktuell

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