Leipziger Volkszeitung

LVZ: Meisterleistung

Leipzig (ots) - Von Norbert Mappes-Niediek Die Serben hatten zu entscheiden, ob sie ohne Wenn und Aber in die EU wollen oder nicht. Es gab eine klare Antwort: Sie wollen. An möglichen Wenns und Abers hätte es dabei nicht gemangelt. Da lag zunächst Kosovo im Wege, über dessen Status die Union und Serbien unversöhnlich streiten. Kaum weniger hinderlich war der Blick zurück auf die Neunzigerjahre: Müssen wir uns schämen oder dürfen wir stolz sein? Unsere Offiziere und Freischärlerführer, sind sie Helden oder Kriegsverbrecher? Wen machen wir verantwortlich für die Bomben, die uns vor gerade einmal neun Jahren auf den Kopf gefallen sind: Slobodan Milosevic - oder doch die Nato- und EU-Staaten, die sie abwerfen ließen? Und schließlich herrscht nach den vielen Jahren des wirtschaftlichen Elends besonders im ländlich-kleinstädtischen Inneren Serbiens Furcht davor, noch tiefer zu fallen, jetzt völlig vergessen zu werden. Es waren gewichtige Sorgen, Bedenken und Einwände. Aber sie alle hat die Sonne Europas glänzend überstrahlt. Der Wahlsieg der pro-europäischen Demokraten war auch eine taktische Meisterleistung. Der Ruhm dafür gebührt dem serbischen Präsidenten Boris Tadic und dem slowenischen Außenminister Dimitrij Rupel. Um ja nicht in den Geruch des vaterlandslosen Gesellen zu geraten, hatte Tadic den rigiden Kosovo-Kurs seines zunehmend bitteren Regierungschefs über Monate ganz und gar mitgetragen - zum Verdruss vieler seiner Anhänger, die sich von den Nationalen in Geiselhaft genommen fühlten. Aber Tadics Taktik hat zum Ziel geführt. Wider besseres Wissen sagten alle seine pro-europäischen Minister und Abgeordneten brav ihre Sprüchlein auf: Dass Serbien Kosovo niemals anerkennen werde, dass die Wiedergewinnung der verlorenen Provinz eine Priorität der serbischen Politik bleibe. Auch wenn man ihnen nicht recht glaubte: Niemand sollte sie nationaler Unzuverlässigkeit zeihen können. Und dann, kurz vor der Wahl, schuf Tadic Tatsachen und unterzeichnete das entscheidende Abkommen mit der EU, gegen den empörten Protest des Koalitionspartners. Mit der Unterschrift in Luxemburg wurde den Wählern klar, dass Europa keine Fata Morgana ist. Serbien kann kommen, wenn es nur will. Aber auch manche Unionsregierungen mussten sich aufraffen, um den Erfolg in Serbien möglich zu machen. Nach der Aufnahme Rumäniens und Bulgariens herrscht Erweiterungsmüdigkeit; lieber möchte man sich in Ruhe einmal vertiefen, als ständig neue Mitglieder aufzunehmen. Im Falle Serbiens kommt hinzu, dass die Regierung keine Anstalten macht, Kriegsverbrecher nach Den Haag auszuliefern. Dass Europa sich jetzt pragmatisch über seine Stimmungen und seine Regeln hinweggesetzt hat, ist der Überzeugungskraft der Ratspräsidentschaft Sloweniens zu danken. Der schwerfällige Staatenbund als flexibler, geschickter Akteur auf internationalem Parkett: Das hat man noch selten erleben dürfen. Pressekontakt: Leipziger Volkszeitung Redaktion Telefon: 0341/218 11558 Original-Content von: Leipziger Volkszeitung, übermittelt durch news aktuell

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