Leipziger Volkszeitung

LVZ: zu Festnahme von Kinderschänder Fahndungs-Krimi

    Leipzig (ots) - Von Armin Görtz Ein Buchverlag hätte diesen Krimi wohl abgelehnt. Bis gestern. Begründung: zu konstruiert. Doch das Leben hat die auf den ersten Blick unglaublich scheinende Geschichte geschrieben. Die Story von kanadischen Fahndern, die im Internet auf Kinderpornos stoßen, auf denen sich eine Limoflasche und ein Schulbuch im Hintergrund als Spur erweisen. Als die nach Mitteldeutschland führt, bekommen tausende Grundschullehrer eines der Fotos vorgelegt - und tatsächlich werden Täter und Opfer in Sachsen-Anhalt identifiziert. Am Stadtrand von Leipzig klicken am Ende die Handschellen. Die Suche erinnert an den spektakulären Mord von 1981, als an der Bahnstrecke Leipzig-Halle eine Jungenleiche gefunden wurde - in einem Koffer, in dem zugleich Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln steckten. Die Handschrift führte die Polizei letztlich zum Täter. Auch der war pädophil. Aufschlussreich ist es, die Unterschiede der beiden Fahndungen zu betrachten. Die DDR erzielte den Erfolg auch, weil es in der Diktatur möglich war, die Kapazitäten von Polizei und Stasi mühelos zu vernetzen. Es waren keine rechtlichen Hürden zu überwinden, um sich Zugang zu zehntausenden handschriftlich von Bürgern ausgefüllten Formularen zu verschaffen. Der damalige, enorme behördliche Aufwand erklärt sich nicht allein aus der Schrecklichkeit des Verbrechens. Das Überleben eines autoritären Staates hängt davon ab, dass die Menschen an seine Allmacht glauben. Deren Ehrfurcht würde bröckeln, wenn ein Aufsehen erregendes Verbrechen unaufgeklärt bliebe. Von diesem Druck sind heutige Ermittler frei. Aber an Ehrgeiz und Beharrlichkeit fehlt es ihnen keinesfalls, selbst wenn es - wie beim aktuellen Beispiel - um den düsteren Alltag geht. Die Polizeistatistik verbucht jährlich mehr als 10 000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch - wohl nur die Spitze eines Eisberges. Noch immer herrscht eine Unkultur des Wegschauens. Zu den Übergriffen kommt es meist im familiären, verwandtschaft- oder nachbarschaftlichen Kreis. Opfer, die sich offenbaren, erhalten oft keine Hilfe, sondern werden als Lügner bezichtigt. Doch die gesellschaftliche Sensibilität nimmt zu. Das reicht vom Papst, der sich dieser Tage mit Missbrauchten traf, bis zum deutschen Gesetzgeber. Der droht nicht nur den Sexgangstern selbst mit bis zu zehn Jahren Haft, sondern hat das mögliche Strafmaß für den Besitz vonKinderpornos auf fünf Jahre erhöht. Zugleich agieren die Kriminalisten weltweit immer cleverer. Denn im Internet - Plattform verbotener Tauschbörsen - lassen sich Spuren der Beteiligten einfangen. Der aktuelle Erfolg ist einer von inzwischen weltweit tausenden. Für den Bürger, der über immer mehr Bürokratie klagt, ist es beeindruckend zu erfahren, wie reibungslos Behörden global zusammenarbeiten können, wenn sie es wollen. Nicht nur Polizisten aus Kanada, das Bundeskriminalamt und mehrere Landeskriminalämter zogen an einem Strang. Auch die mitteldeutschen Kultusministerien leisteten Hilfe, gaben die Fotos an tausende Lehrer weiter. Ergebnis sind eine einzelne Festnahme und ein großartiger Fahndungs-Krimi. Einer, über den an Frühstücks- und Stammtischen, auf Schulhöfen und in Kantinen geredet wird. Das ist vielleicht der wichtigste Erfolg. Solche Debatten führen zum offenen Umgang mit einem Thema, dessen Verschweigen Täter schützt.

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