Leipziger Volkszeitung

LVZ: Missbrauch und Furcht

    Leipzig (ots) - Von Dieter Wonka Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat zumindest taktisch dazu gelernt in seiner bisher erstaunlich unauffälligen Berliner Amtszeit. Sollte die groß angekündigte Bahnreform scheitern, dann wolle er gleichwohl im Amt bleiben. So redet einer, der bereits ahnt, dass der eigene Plan und die Wirklichkeit nicht ganz zusammen passen. Was als Bahnreform angeboten wird, ist verfassungsrechtlich, verkehrspolitisch und aus Sicht der Vermögensverwaltung ziemlich schräg. Da wird wieder einmal der große Begriff der Reform missbraucht. Der Bürger fürchtet es, die Politik behauptet, sie wolle nur sein Bestes. Aber in Wahrheit nimmt sie ihm nur das Beste. Ein Blick auf die marode Bahnlandschaft in Großbritannien genügt. Dort ist der Schienenverkehr ausgeweidet, die Qualität miserabel und die Sicherheit ein Albtraum. Tiefensee, der sehr eloquent wie kaum ein anderer den Unbeschädigten in der Politik mimen kann, bietet eine Bahnreform an, die, sollte der Bürger als Kunde ihm erst einmal auf die Schliche kommen, für viel Aufstand sorgen dürfte. Versucht wird nichts weniger als die Verschmelzung von Heuschrecken-Mentalität mit verträglicher Daseinsvorsorge bei gleichzeitiger Verschleuderung von Volksvermögen. Da ist es ganz sicher gut, wenn als Minister einer die Verantwortung dafür trägt, dem von früher noch Kombinatsdenken nicht ganz unbekannt ist. Mit dem großmäuligen Bahn-Boss Mehdorn agiert ein wenig zimperlicher Manager an der Spitze, der nichts lieber tut als allen anderen zu zeigen, um wie viel besser er selbst ist und wie wenig andere formell Mitverantwortliche Ahnung vom großen Ganzen haben. Ein Parlamentarier, ein Ministerpräsident, ein Verkehrsminister, selbst eine Kanzlerin sind doch alles nur kleine Fische, oder? Die können doch in Wahrheit einem Mehdorn nicht das Wasser reichen, der in der schillernden Welt der Global Player und der Logistik-Konzerne von Weltrang die erste Geige vor sich sieht. Ob Bilanz-Bearbeitungen für den Börsengang oder gläserne Hauptbahnhof-Phantasien anfallen, immer muss es zugehen wie bei den ganz Großen dieser Welt. Bisher zahlte dafür der Steuerzahler und, in Personalunion mit ihm, der Bahnkunde die Rechnungen. Die schlichte Anschlussfrage, was der Pendler oder Fernreisende praktisch davon haben - und sei es auch nur die pünktlichere Ankunft eines Zuges - belastet die großen Jongleure im Bahngeschäft eher nicht. In dieser Welt haben sich Mehdorn und Tiefensee erkennbar gefunden. Beider Motto scheint, man muss einfach machen, ohne durch gute Überzeugungsarbeit die notwendigen Mitstreiter rechtzeitig mit an Bord zu nehmen. Auch Volksaktien - für die dieses Mal vielleicht statt Manfred Krug das Duo Beckenbauer/Jauch werben sollte - werden hoffentlich diesen Privatisierungsanlauf nicht mehr retten. Es wäre heute schon viel gewonnen, wenn maßgebliche Macher zu neuem Nachdenken genötigt werden - oder wenn andere sich neu an diese Aufgabe machten. Ach, da ist ja noch etwas:Kümmert sich eigentlich die Kanzlerin um die Sache?

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