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LVZ: Gesicht gewahrt

    Leipzig (ots) - Von Winfried Wächter Auf zur WM nach Stuttgart. Freie Fahrt für die Trickser und Betrüger aus der verseuchtesten aller Sportarten. Diesem Ruf sind die Radsportler im Moment jedenfalls ausgesetzt, da Doping-Vergehen von Leichtathleten oder Schwimmern während der dreiwöchigen Tour de France eher unter ferner liefen rangierten. Wer redet außerdem noch darüber, dass auf der Liste des unrühmlichen Arztes Eufemiano Fuentes auch die Namen von Fußballern gestanden haben sollen? Der Radsport steht nahezu allein am Pranger - und er hat wirklich alles dafür getan, um dieses Solo zu spielen. Viele seiner prominenten Hauptdarsteller haben trotz gegenteiliger Beteuerungen auf der Klaviatur der Manipulationsskala so gut wie keine Taste ausgelassen. Daher musste sich niemand wundern, wenn ihre Weltmeisterschaften auf der Kippe standen. Zumal sie in Deutschland stattfinden, wo der Aufschrei angesichts der unverbesserlichen (und eigenen) Übeltäter besonders groß ist. Doch die Absage ist vom Tisch, es wird um die WM-Titel gefahren. Die Drohgebärden der Politiker und Funktionäre erwiesen sich als Sturm im Wasserglas, jetzt wird die Chance auf einen Neubeginn beschworen. Unerwartet kommt dieser Umschwung nicht. Schließlich wäre viel Geld, vor allem auch öffentliches, in den Sand gesetzt worden, das in der Vorbereitung bereits ausgegeben war. Im Ausland, das teils erstaunt, teils amüsiert und oft auch distanziert die deutsche Doping-Diskussion verfolgt, hätte die Absage sehr wahrscheinlich einige Irritationen ausgelöst. Ein Rückzug, auch wenn er aus edlen Motiven erfolgt, stößt Partner immer vor den Kopf und kann sich daher negativ auswirken. Wer Olympische Winterspiele ins Land holen will, wer ohnehin an der Austragung sportlicher Großereignisse interessiert ist, der tut gut daran, als guter Organisator aufzufallen und nicht wenige Wochen vor dem Ereignis als unsicherer Kantonist aufzutreten. Das weiß Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble natürlich und hat den Stuttgartern daher grünes Licht erteilt. Nicht ohne gleichzeitig vom Weltverband UCI zu verlangen, die Anzahl der Kontrollen deutlich zu erhöhen. Somit haben alle, was die WM angeht, ihr Gesicht gewahrt. Dass damit aber das Problem gelöst, der Radsport plötzlich frei von Doping sein wird, werden selbst kühnste Optimisten kaum annehmen. Auch vor dem Tour-Start unterschrieben alle Fahrer Ehrenerklärungen - deren Verfallsdatum stand bei einigen bereits nach den ersten Kilometern fest. Wer aber in Stuttgart auf die WM-Strecken geht, der weiß, unter welcher Beobachtung der Radsport in Deutschland und damit auch er steht. Das wird den einen oder anderen vermutlich nicht davon abhalten, weiter zu verbotenen Mitteln zu greifen. Eine Absage hätte an dieser Mentalität nichts ändern können, aber alle, die ehrlich geblieben sind, um ein großes Erlebnis und womöglich ihre Chance gebracht. Sie haben diese WM verdient.

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