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LVZ: Zu viele Gäste

    Leipzig (ots) - Von Peter Korfmacher 1804 durchbrach die Weltbevölkerung die Milliarden-Schallmauer, 1927 fiel die nächste, 1960 lebten drei Milliarden Menschen auf dem blauen Planeten, 1974 vier, 1987 fünf, 1999 sechs. Und derzeit teilt sich jeder Homo sapiens mit gut 6,6 Milliarden Artgenossen die zunehmend unter dieser Last ächzende Erde. Mit erheblichen Folgen für alle Beteiligten:In Asien, Afrika, Südamerika wächst die Armut in den explodierenden Mega-Städten. In Europa, Nordamerika, Australien, auch in den entwickelten Teilen Asiens verschärfen sich Ausgrenzungstendenzen. Die, denen es schlechter geht, sollen bleiben, wo sie sind, damit die, denen es besser geht, ihren Vorsprung in Sachen Lebensqualität und Lebenschancen nicht einbüßen. Das alles ist nicht neu: Jedes Jahr veröffentlicht die Uno ihren Weltbevölkerungsbericht. Jedes Jahr gibt es interessante neue Details (diesmal ist dies die Erkenntnis, dass bereits im kommenden Jahr die Hälfte aller Menschen in Städten lebt). Und in jedem Jahr prophezeien Schwarzseher eine Katastrophe. Wahrscheinlich haben sie Recht. Denn selbst wenn, wie neueste Schätzungen vermuten lassen, das absolute Wachstum in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter abnimmt, führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Wir sind jetzt schon zu viele, und wir werden immer mehr. Die Folgen für die Menschheit werden dramatisch sein: Naturkatastrophen, die der Klimawandel mit sich bringt, den wir verursachen, durch rülpsende Kühe (die wir halten), Autos (die wir fahren), durch was auch immer. Kriege als Konsequenz höchst unterschiedlicher Verteilung der Lasten und Chancen, die sich aus dem Bevölkerungswachstum ergeben. Migrationsbewegungen, gegen die die Völkerwanderung als kollektiver Wochenendausflug erscheinen wird. Ob all das kommt, ist eher keine Frage, unklar ist allenfalls: wann. Und damit verbunden bleibt nur die Hoffnung, dass wir es nicht mehr erleben werden - und unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht auch nicht. Daran allerdings könnten wir mitarbeiten - indem wir uns gemeinsam eines Problems annähmen, das uns alle betrifft. Hier allerdings liegt das globale Menscheits-Dilemma: Die derzeit 6,6 Milliarden Menschen sind 6,6 MilliardenIndividuen, mit jeweils individuellen Vorstellungen von Leid und Glück, von Jetzt und Zukunft. Und so schön es für den Menschen ist, wenn er statistisch immer älter wird (das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung wird in den kommenden 40 Jahren um zehn auf knapp 40 Jahre steigen), um so schlimmer ist dies für die Menschheit. Da ticken Insekten - im Sinne der Arterhaltung - effektiver. Dennoch sind Weltuntergangs-Szenarien fehl am Platz. Denn unsere Probleme, unser Raubbau, unser Leben, unser Sterben sind der Welt ziemlich egal. Sie braucht uns nicht. Sie hat die Dinosaurier kommen und gehen sehen, den Säbelzahntiger, den Neandertaler. Sie wird uns keine Träne nachweinen, wenn sie uns erst abgeschüttelt hat oder wir uns selbst. Wir sind nur Gast auf Erden. Und nur, wenn wir uns einigermaßen benehmen, dauert es vielleicht noch ein wenig, bis man uns den Stuhl vor die kosmische Tür stellt.

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